/ 28.08.2014
Gottfried Oy / Christoph Schneider
Die Schärfe der Konkretion. Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiografie
Münster: Westfälisches Dampfboot 2013; 252 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-89691-933-5Der Name Reinhard Strecker ist aus dem heutigen kollektiven Gedächtnis fast verschwunden – zu Unrecht, wie Gottfried Oy und Christoph Schneider mit diesem Buch eindrücklich darlegen. Anders als vielfach angenommen, war es nicht die Studentenbewegung Ende der 1960er‑Jahre, die erstmalig Fragen nach der Mitschuld der Elterngeneration am NS‑Regime und dessen Verbrechen sowie der personellen Kontinuität stellte. Vielmehr beschäftigten sich bereits in den 1950er‑Jahren einige Personen mit diesen Aspekten. Unter ihnen war Reinhard Strecker. Das Gründungsmitglied der dem SDS nahestehenden Deutsch‑Israelischen Studiengruppe veröffentlichte erstmals die Namen derjenigen, die trotz ihrer Verbrechen während der NS‑Zeit im Nachkriegsdeutschland in höheren Funktionen tätig waren. Und weil eine von ihm angestrengte Petition an den Deutschen Bundestag unbeachtet blieb, organisierte er 1959 auf der Grundlage eigener Recherchen (unter anderem in ostdeutschen Archiven), unter großem persönlichen und finanziellen Aufwand sowie unter ständiger Überwachung der Geheimdienste die Ausstellung „Ungesühnte Nazi‑Justiz“, die für viel Aufsehen sorgte und deren Anliegen Breitenwirkung unter den Studierenden entfalten konnte. Das Buch gibt instruktiv Auskunft über das Leben und die politische Arbeit Reinhard Streckers im Kontext der Nachkriegszeit sowie über die (insgesamt beschränkt bleibenden) Erfolge seiner Aufklärung. Der Band ist hierfür in drei Teile geteilt. Der erste Teil besteht aus einem ausführlichen Interview mit Strecker, in dem er dezidiert Auskunft über seine einzelnen Lebensstationen gibt. Der zweite Part besteht aus einem langen wissenschaftlichen Aufsatz von Gottfried Oy, in dem er die Rezeption der durch die frühen Neuen Linken aufgedeckten personellen Kontinuitäten aufarbeitet. Hierfür greift Oy weit aus, rekonstruiert das Entstehen sowie die wissenschaftlichen Einflüsse auf den und die Arbeit des SDS, die personellen und theoretischen Netzwerke der Organisation sowie deren Praxis. Wie Oy im Verlauf seines Artikels zeigt, stieß das Anliegen Streckers durchaus auf Widerhall, allerdings seien diese Erfolge durch die Veränderung der Studentenbewegung (Fokus auf die praktische Revolution, nicht mehr auf die theoretischen Debatten; grundsätzliche Unbelastetheit der „Jungen“) überdeckt worden. Im dritten Beitrag, einem Essay von Christoph Schneider, stehen die Verhältnisse und Akteure im Mittelpunkt, die Strecker nach seiner Rückkehr 1954 aus Frankreich über Celle nach Berlin vorgefunden hatte.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.35 | 2.331 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Gottfried Oy / Christoph Schneider: Die Schärfe der Konkretion. Münster: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37451-die-schaerfe-der-konkretion_44946, veröffentlicht am 28.08.2014. Buch-Nr.: 44946 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenM. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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