/ 22.06.2013
Sabine Mecking
Bürgerwille und Gebietsreform. Demokratieentwicklung und Neuordnung von Staat und Gesellschaft in Nordrhein-Westfalen 1965-2000
München: Oldenbourg Verlag 2012 (Studien zur Zeitgeschichte 85); X, 531 S.; geb., 74,80 €; ISBN 978-3-486-70314-6Geschichtswiss. Habilitationsschrift Düsseldorf. – In den 60er- und 70er-Jahren wurde in der Bundesrepublik eine umfassende Gebietsreform durchgeführt, die weitreichende Spuren hinterließ. In Nordrhein-Westfalen waren fast alle Gemeinden und jeder Kreis von der Neugliederung betroffen, schreibt Mecking. Die zahlreichen Eingemeindungen und Zusammenschlüsse kreisfreier Städte wurden zum Teil gegen einen erheblichen Widerstand der Kommunen durchgesetzt. Bürgerinitiativen wurden ins Leben gerufen und es wurde ein – für NRW erstmaliges – Volksbegehren durch die „Aktion Bürgerwille“ angestrengt, um die kommunale Selbstständigkeit kleinerer Gemeinden zu erhalten. „Sieben Jahre lang hat die kommunale Gebietsreform in unserem Lande Schlagzeilen gemacht und die Gemüter der Kommunal- und Landespolitiker, aber auch der kommunalpolitisch engagierten und interessierten Bürger bewegt. […] Und manche haben sogar vom ‚siebenjährigen Krieg der kommunalen Selbstverwaltung’ gesprochen“ (45). Die in diesem Zitat des damaligen nordrhein-westfälischen Innenministers Willi Weyer angesprochenen Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Reform stehen im Mittelpunkt der Analyse. Mecking fragt, wie sich der Protest der Bürger artikulierte und von den kommunalen und staatlichen Entscheidungsträgern aufgenommen wurde. Indem sie die Gebietsreform im Kontext des gesellschaftlichen und politischen Wandels der jungen Bundesrepublik stellt, lenkt sie den Blick auf das Verhältnis von Demokratie und Verwaltung, von Partizipation und Planung und damit auf die „Transformation des ‚Obrigkeitsstaates’ in einen ‚Aushandlungsstaat’“ (23). Am Beispiel der Gebietsreform will die Autorin das allgemeine Postulat von der Demokratisierung und Liberalisierung der Bundesrepublik in dieser Zeit empirisch erhellen. Detailliert werden die Ziele, die Umsetzung und die Folgen der kommunalen Neuordnung an den Fallbeispielen Bielefeld, Bochum-Wattenscheid und Leverkusen-Opladen nachgezeichnet. Unter anderem arbeitet sie den Wandel von der Planungseuphorie bis zur -ernüchterung heraus und zeigt auf, wie der entstandene Bürgersinn und die gestiegenen Beteiligungsforderungen der Bevölkerung die SPD und insbesondere die Landtagsfraktion herausforderten. Im Ergebnis wurde die Gebietsreform zwar als „Planung ‚von oben’ ohne gestaltende Mitwirkung ‚von unten’“ realisiert, doch traf „das Planungs- und Verwaltungshandeln […] in der Reformära auf einen breiten Partizipationswillen einer sich entwickelnden Zivilgesellschaft“ (459).
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.325
Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Sabine Mecking: Bürgerwille und Gebietsreform. München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35105-buergerwille-und-gebietsreform_42252, veröffentlicht am 27.09.2012.
Buch-Nr.: 42252
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
CC-BY-NC-SA