/ 11.06.2013
Dirk Rochtus
Zwischen Realität und Utopie. Das Konzept des "dritten Weges" in der DDR 1989/90. Aus dem Niederländischen übersetzt von Martine Westerman
Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 1999; 310 S.; kart., 49,- DM; ISBN 3-933240-56-5Politikwiss. Diss. Antwerpen; Gutachter: Y. van den Berghe. - Der belgische Politikwissenschaftler will versuchen, die konzeptionellen Bemühungen auf der Suche nach einem dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus in der Umbruchphase der DDR nachzuzeichnen. Den Begriff "dritter Weg" nutzt er - entgegen der mittlerweile vorherrschenden Definition in Anlehnung an Anthony Giddens - als übergeordnete Zielvorstellung von Reformbemühungen des Sozialismus sowohl innerhalb der SED als auch aus der Bürgerbewegung heraus. Dabei stützt er sich unter anderem auf Interviews mit beteiligten Akteuren wie André Brie, Hans Modrow, Wolfgang Ullmann oder Wolfgang Thierse. Seinen Vergleich der Dritte-Wegs-Konzeptionen will Rochtus bewußt nicht als Auseinandersetzung um moralische Implikationen der SED-Herrschaft verstanden wissen. Gleichwohl wird die Frage der Legitimation verschiedener Politikentwürfe des öfteren relevant. In diesem Zusammenhang ist die Frage entscheidend, was denn unter "Sozialismus" zu verstehen ist und wie sich diese Definition auf die Identifizierung eines dritten Weges auswirkt. Eine weitere Besonderheit der Diskussion 1989/90 bestand darin, daß die Auseinandersetzungen um ein reformiertes Gesellschafts- und Politikmodell mit der deutschen Frage verbunden waren. Die ideologische Eigenständigkeit der DDR verbürgte zugleich ihr Existenzrecht. Dies habe die Debatte um den dritten Weg wesentlich strukturiert. Für die SED stellt Rochtus fest, daß das Festhalten am monopolisierten Führungsanspruch der Partei eine wirkliche Konzeptualisierung und Umsetzung eines dritten Weges nicht ermöglicht habe. Auch für die Regierung Modrow gelte letztlich, sie sei "noch zu zögerlich und noch zu traditionell, noch zu sehr in der alten Zeit verhaftet [gewesen], um als Reformer im Sinne eines 'dritten Weges' gelten zu können" (173). Neben dem Appell an eine ostdeutsche Identität versuche die PDS nun nach der Vereinigung weiterhin das Konzept eines dritten Weges zu vertreten, ohne daß bislang klar wäre, worin dieser bestehe und wie er sich umsetzen ließe.
Aus dem Inhalt: 1. Ein historischer Überblick über die SED 1946-1986; 2. Opposition und dritter Weg in der DDR vor der Perestroika; 3. Die Haltung von SED und Opposition gegenüber der Perestroika; 4. Die Krise führt zum Fall Honeckers (Mai-Oktober 1989); 5. Die "Wende" (18. Oktober-Anfang Dezember 1989); 6. Ein neues Profil für die Parteien in der DDR; 7. Die deutsche Frage und der dritte Weg; 8. Der Wahlkampf im Februar/März 1990; 9. Der Entwurf einer neuen Verfassung als konstitutionelle Verankerung eines dritten Weges; 10. Was bleibt vom "dritten Weg" in der PDS?
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.313
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Dirk Rochtus: Zwischen Realität und Utopie. Leipzig: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10170-zwischen-realitaet-und-utopie_12030, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12030
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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