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/ 18.06.2013
Ronald Gebauer / Hanna Petschauer / Georg Vobruba

Wer sitzt in der Armutsfalle? Selbstbehauptung zwischen Sozialhilfe und Arbeitsmarkt

Berlin: edition sigma 2002 (Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung 40); 231 S.; 14,90 €; ISBN 3-89404-971-5
In der gegenwärtigen Diskussion über eine Reform der sozialen Sicherungssysteme spielt die Annahme einer so genannten Armutsfalle eine große Rolle. Behauptet wird damit, dass primär die Sozialhilfe (durch Leistungshöhe ebenso wie durch die Bemessungsgrenzen für zusätzliches Einkommen) negative Anreize hinsichtlich der Aufnahme regulärer Erwerbsarbeit setze und damit die Hilfeempfänger unnötig in Abhängigkeit von Transferzahlungen halte. Die am Institut für Soziologie der Universität Leipzig durchgeführte Studie will die Prämissen dieses Armutsfallen-Theorems empirisch überprüfen. Bisher werde nämlich - so die zutreffende Kritik der Autoren - einfach unterstellt, dass man von der institutionellen Anreizstruktur unmittelbar auf das tatsächliche Verhalten (= Verzicht auf Arbeitsaufnahme) schließen könne. Die Autoren problematisieren diese Annahmen zunächst durch eine quantitative Analyse der tatsächlichen Verweildauer im Sozialhilfebezug (als Datenbasis für die Längsschnittuntersuchung dient das Sozioökonomische Panel). In einem zweiten qualitativen Schritt werden im Rahmen von 26 offenen Interviews Motivlagen und Bewältigungsstrategien von Betroffenen (teils aus dem Kölner, teils aus dem Leipziger Raum) erhoben. Die Autoren dieser - nicht zuletzt mit Blick auf die Reformvorschläge der so genannten "Hartz-Kommission" - hochaktuellen Studie kommen zu dem Ergebnis, dass das Armutsfallen-Theorem "sowohl auf der Ebene der empirischen Beschreibung als auch auf der Ebene der kausalen Erklärung widerlegt" ist (23). Aus dem Inhalt: 1. Armutsfallen-Theorem und System sozialer Sicherung; 2. Die "Armutsfalle" im Kontext der Diskussion um Sozialhilfe und Sozialhilfereform; 3. Anreizelemente in der deutschen Sozialhilfe (HLU): Kontrolle der Arbeitsbereitschaft durch das Sozialamt und das Lohnabstandsgebot; 4. Die Arbeiten der dynamischen Armutsforschung; 6. Wie müssen die empirischen Belege aussehen, um die Standard-Verhaltensannahmen zu überprüfen; 7. Datenselektion und Beschreibung der Stichprobe "Sozialhilfeempfänger an der Schnittstelle zwischen Sozialhilfe und Arbeitsmarkt"; 8. Abfolgetypen zwischen Sozialhilfe und Erwerbsarbeit; 9. Gibt es eine Armutsfalle in der bundesdeutschen Sozialhilfe?; 10. Welche Faktoren wirken sich auf die Länge der Bezugsepisoden aus?; 14. Kennen die Sozialhilfebezieher die Anreizstruktur "Armutsfalle"?; 15. Welche Nutzen und Kosten sind mit Sozialhilfe und Erwerbsarbeit verbunden?
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.342 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Ronald Gebauer / Hanna Petschauer / Georg Vobruba: Wer sitzt in der Armutsfalle? Berlin: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/18072-wer-sitzt-in-der-armutsfalle_20864, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 20864 Rezension drucken
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