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/ 22.06.2013
Michael Borchard / Thomas Schrapel / Bernhard Vogel (Hrsg.)

Was ist Gerechtigkeit? Befunde im vereinigten Deutschland

Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag 2012; 218 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-412-20885-1
Der Begriff der Gerechtigkeit zählt zweifelsohne zu den Klassikern in der politischen Philosophie, sowohl im Hinblick auf die Bandbreite der in diesem Zusammenhang vorgelegten Konzepte als auch auf die grundsätzliche Kontroverse. Angesichts eines unhintergehbaren „Pluralismus der Gerechtigkeitsformeln“ (7) unternehmen die Autoren mit diesem Sammelband den Versuch, sich in antiker Tradition einer Vorstellung von Gerechtigkeit anzunähern, die auf die politische Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland ausgerichtet ist – einem ehemals geteilten Land, in dem nur noch die Hälfte der Bürger der Meinung ist, es ginge in ihm gerecht zu. Michael Borchard und Thomas Schrapel spannen in ihrem einleitenden Beitrag den ideengeschichtlichen Bogen von der platonischen über die aristotelische bis hin zur Rawl‘schen Gerechtigkeitskonzeption, in den anderen Beiträgen werden hingegen konkrete tagespolitische Phänomene in den Blick genommen. Beispielsweise fragt Gert Pickel, inwieweit sich die Vorstellung von Gerechtigkeit auch auf die politische Kultur in einem Land auswirkt. Er kommt zu dem Schluss, dass die jeweils dominante Einschätzung der Lebensverhältnisse als gerecht oder ungerecht einen massiven Einfluss auf die Bejahung oder Ablehnung der Demokratie als Regierungsform impliziert (noch dazu mit signifikanten Unterschieden in Ost‑ und Westdeutschland). Thorsten Faas fokussiert in seinem Beitrag unterschiedliche Arbeitslosigkeitserfahrungen in Ost und West und konstatiert, dass eine adäquate Einschätzung von Arbeitslosigkeit nicht bei den reinen Zahlen der Statistiken stehen bleiben darf, sondern auch die tatsächliche Betroffenheit – etwa durch bereits erlebte oder befürchtete Arbeitslosigkeit – in den Blick nehmen muss. Denn Arbeitslosigkeit bedeutet nach wie vor Ausschluss und Rückzug aus dem öffentlichen Leben, was für eine auf Partizipation der Bürger ausgelegte, repräsentative Demokratie fatal sein kann, wenn die Gruppe der Betroffenen groß und darüber hinaus lange anhaltend solchen Erfahrungen unterworfen ist. Neben der Tatsache, dass beide exemplarisch genannten Beiträge immer auch die demokratische Qualität von Gerechtigkeit in den Blick nehmen, zeichnen sie sich auch durch eine überaus gelungene Kombination von Empirie und Theorie aus. Das bedeutet für den Band wiederum, dass er zu den besseren der Publikationen gehört, die sich – immer wieder – des Themas der Gerechtigkeit angenommen haben.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.32.3152.35 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Michael Borchard / Thomas Schrapel / Bernhard Vogel (Hrsg.): Was ist Gerechtigkeit? Wien/Köln/Weimar: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35013-was-ist-gerechtigkeit_42128, veröffentlicht am 07.03.2013. Buch-Nr.: 42128 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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