/ 17.06.2013
Daniel Cohen
Unsere Modernen Zeiten. Wie der Mensch die Zukunft überholt. Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Thomas Wollermann
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2001; 152 S.; geb., 21,50 €; ISBN 3-593-36660-6Über die Beziehung von technologischer Entwicklung und (kapitalistischer) Wirtschaftsstruktur gibt es bekanntlich konträre Theorien. Einer marxistischen Lesart zufolge führt der heutige Kapitalismus zu einer immer größeren Kluft zwischen jenen, die über (erhebliches) Einkommen verfügen und den vielen, die zu Arbeitslosigkeit und Armut verdammt sind. In der Sicht von Schumpeter dagegen wird der Kapitalismus seine eigenen Erfolge - effiziente Massenproduktion und bürokratisches Management - nicht überleben können. Beide Positionen bilden die theoretischen Fixpunkte, von denen Cohen - der französische Ökonom und Berater von Premierminister Jospin - seine Interpretation unserer "modernen Zeiten" abheben will. Weil Marx den Mechanismus der Konkurrenz ignoriert und Schumpeter die Innovationsdynamik falsch eingeschätzt habe, taugen ihre Theorien nicht dazu, unsere Epoche angemessen als Übergangszeit zu begreifen (11 ff.). Der eine Irrtum führt zu der Illusion vom "Ende der Arbeit" (56 ff.) - obschon das Übel des Kapitalismus darin besteht, "den Menschen [...] zu viel Arbeit" aufzubürden (17); der andere Irrtum erzeugt die Vorstellung, die technologische Entwicklung würde von der Technik selbst - also den Anstrengungen, sie zu beherrschen - befreien (125 ff.). Die wesentliche Antwort auf die laufende, noch nicht abgeschlossene Revolution sieht Cohen in einer "spezifischen Sozialregelung", die die Bedeutung des Humankapitals gegenüber dem gegenwärtigen Einfluss des Finanzkapitals stärkt (69 ff.) und das Ungleichgewicht zwischen privatem und öffentlichem Konsum korrigiert (63 ff.). Für derartige Prozesse, bei denen Demokratie nicht lediglich als "Gehilfin des Kapitals" fungiert (138), gibt es lehrreiche Vorbilder: "Auch die 'modernen Zeiten' des 20. Jahrhunderts enthielten eine solche Übergangsphase, in der eine Zeitlang die Versuchung des Totalitarismus unwiderstehlich schien. Diese Rolle hat heute der Neoliberalismus übernommen." (140 f.)
Inhalt: 1. Die "Nouvelle Vague"; 2. Burn out - Ausgebrannt; 3. Die Spannungen zwischen öffentlichem und privatem Konsum; 4. Vom Finanz- zum Humankapital; 5. Die neue Wirtschaftspolitik; 6. Die Insel der Arbeitslosen; 7. Kann der Kapitalismus überleben?
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.2 | 2.262
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Daniel Cohen: Unsere Modernen Zeiten. Frankfurt a. M./New York: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15471-unsere-modernen-zeiten_17621, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17621
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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