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/ 20.06.2013
Daniel Friedrich Sturm

Uneinig in die Einheit. Die Sozialdemokratie und die Vereinigung Deutschlands 1989/90

Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 2006 (Willy-Brandt-Studien); 520 S.; brosch., 29,90 €; ISBN 978-3-8012-0363-4
Diss. Bonn; Gutachter: G. Langguth, F. Decker. – Die westdeutschen Sozialdemokraten waren auf den Fall der Berliner Mauer nicht vorbereitet – das hatten sie mit den anderen politischen Kräften der alten Bundesrepublik gemein. Dass aber wichtige Teile der Partei den sich anbahnenden Zerfall der SED-Herrschaft falsch einschätzten und der Vereinigung mit Skepsis entgegentraten, zeigt die Studie von Sturm. Zunächst referiert er die Entwicklung der deutschlandpolitischen Konzeptionen der SPD, um dann zu einer spannend zu lesenden Analyse der Rolle der Sozialdemokratie von der Gründung der SDP im Oktober 1989 bis zur Bundestagswahl im Dezember 1990 anzusetzen. Eindrücklich schildert Sturm die anfängliche Zurückhaltung der SPD-Führung gegenüber der Gründung einer sozialdemokratischen Partei in der DDR. Als die Vereinigung der beiden deutschen Staaten schon lange auf den Straßen der DDR eingefordert wurde und die Bundesregierung die Gunst der Stunde nutzen wollte, blieb ein Großteil der Partei- und Fraktionsspitze der SPD skeptisch. Hätte nicht die Bundestagswahl genaht, wäre es in der Frage der Vereinigung wohl zum offenen Eklat zwischen dem Flügel um Willy Brandt und der Enkel-Generation um Oskar Lafontaine gekommen. Letztere warnten vor einer Renaissance des Nationalismus und betonten die Virulenz globaler Probleme, die durch den Fall der Mauer an ihrer Bedeutung nichts verloren hätten. Sturm, Redakteur bei der Tageszeitung „Die Welt“, untersucht diese wichtige Periode mit großer Umsicht und erhellt manch pikantes Detail. Ihm haben die Deposita zahlreicher Protagonisten ebenso zur Verfügung gestanden wie das Archiv des Parteivorstands der SPD. Zudem hat er mit über 50 Personen Interviews geführt. Dass mit Lafontaine ein zentraler Akteur des vereinigungsskeptischen Lagers nicht dazugehören wollte, schlägt sich in dem Buch durchaus nieder. Denn während manche ergänzende, erklärende oder auch relativierende Information aus den 2003/04 geführten Interviews in die Darstellung einfließt, bleibt bei Lafontaine lediglich die ungeschminkte Sicht des Jahres 1990.
Wilhelm Knelangen (WK)
Dr., wiss. Ass., Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.3312.3152.313 Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Knelangen, Rezension zu: Daniel Friedrich Sturm: Uneinig in die Einheit. Bonn: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25988-uneinig-in-die-einheit_30222, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 30222 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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