/ 21.06.2013
Thomas Gehring / Sebastian Krapohl / Michael Kerler / Sachka Stefanova
Rationalität durch Verfahren in der Europäischen Union. Europäische Arzneimittelzulassung und Normung technischer Güter
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2005 (Regieren in Europa 9); 397 S.; brosch., 79,- €; ISBN 978-3-8329-1170-6Die Autoren widmen sich in theoretisch wie empirisch gehaltvoller Weise der Frage, wie legitime und problemadäquate Entscheidungen möglich sind. Neben den Akteurseigenschaften sprechen sie den Entscheidungsverfahren eine zentrale Rolle zu, die empirischen Belege dafür sind allerdings relativ schwach. Ausgangspunkt ist die Annahme, das Entscheidungsverfahren Rationalisierungspotentiale für Policies besitzen. Bezugspunkt ist Habermas Theorie kommunikativen Handels, wonach Gemeinwohlverträglichkeit als Rationalitätskriterium zu bestimmen ist. Das genaue methodische Vorgehen bei der folgenden Analyse von Konflikten im Entscheidungsprozess bleibt allerdings unklar. Empirisch wird sowohl die vertikale als auch horizontale Komplexität institutioneller Entscheidungsarrangements in der EU berücksichtigt. Mit den Themen Arzneimittelzulassung und technische Normung werden Sektoren regulativer Politik gewählt, die durch wachsende gemeinschaftliche Rechtsetzung sowie Normanwendung gekennzeichnet sind. Es erweist sich, dass die Akteure zwar auf Partikularinteressen zurückgreifen, jedoch nachgeordnete Normanwendungsentscheidungen nicht durch individuelle Nutzenkalkulationen verzerrt werden können – und zwar aufgrund der institutionellen Entscheidungsarrangements. Die Autoren begründen dies mit dem „Schleier des Nichtwissens“ und dem Konsistenzzwang bei der Ausarbeitung fallübergreifender Regelungen. Gemeinwohlorientierte Ergebnisse entstehen so aus dem Zusammenspiel von Partikularinteressen und differenzierten Entscheidungsverfahren. Nicht verschwiegen wird, dass verfahrensinduzierte Rationalisierung ihre Grenzen findet, wenn wissenschaftliches Wissen ungesichert, Rechtsetzung widersprüchlich und Politisierung möglich ist. Für die Legitimität europäischen Regierens folgern die Autoren, dass politische Kontrolle auf der Ebene von Normsetzung ansetzen müsse, auf der Anwendungsebene hingegen kontraproduktiv sei.
Gabriele Abels (GAB)
Prof. Dr., Professur für Innen- und EU-Politik, Universität Tübingen.
Rubrizierung: 3.5 | 3.1
Empfohlene Zitierweise: Gabriele Abels, Rezension zu: Thomas Gehring / Sebastian Krapohl / Michael Kerler / Sachka Stefanova: Rationalität durch Verfahren in der Europäischen Union. Baden-Baden: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27050-rationalitaet-durch-verfahren-in-der-europaeischen-union_31580, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 31580
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Prof. Dr., Professur für Innen- und EU-Politik, Universität Tübingen.
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