/ 18.06.2013
Ted Honderich
Nach dem Terror. Ein Traktat. Aus dem Englischen von Eva Gilmer
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002 (edition suhrkamp 2437); 243 S.; 9,- €; ISBN 3-518-12437-4Den 11. September nicht nur als einen epochalen Einschnitt zu bewerten, der eine neue Ära der internationalen Beziehungen auf den Plan gerufen hat, sondern in ihm auch ein moralisches Lehrstück zu sehen, kann die Diskussion um die Folgen der Terroranschläge auf New York und Washington bereichern. Auf den ersten Blick erscheint Honderichs Ansatz viel versprechend. Er bleibt nicht bei der moralischen Verurteilung der Terroristen stehen, sondern versteht den 11. September auch als „eine Aufforderung an uns, uns selbst zu erkennen und uns zu bessern" (227). Die Terroranschläge nimmt er zum Anlass, vermeintlich vergessene ethische Grundfragen nach dem „guten Leben" neu zu stellen. Ob Honderichs anti-kantianischer Standpunkt einer humanistischen Gefühls- und Solidaritätsmoral zu dieser ethischen Neubestimmung einen ernst zu nehmenden Beitrag leistet, soll hier nicht diskutiert werden. Aus politikwissenschaftlicher Sicht ist nämlich der zweite Teil seines Buches, in dem er auf der Grundlage seiner ethischen Prinzipien den neuen Terrorismus analysiert und bewertet, ungleich interessanter. Vor allem drei Befunde müssen hier bedenklich stimmen: Erstens ebnet Honderich in seinem Versuch, Terrorismus in Übereinstimmung mit dem herrschenden Sprachgebrauch zu definieren, die differentia specifica dieses Begriffs ein. Anstatt den ideologischen politischen Sprachgebrauch zu kritisieren, der jede Form unliebsamer, nicht-staatlicher Gewalt als „terroristisch" stigmatisiert, gleicht auch Honderich Terrorismus an illegale Gewaltanwendung an. Da nach Hondrich nicht jede Form illegaler politischer Gewalt auch als illegitim gelten kann - er denkt hier an koloniale Befreiungskämpfe - muss er sich die seiner terminologischen Ungenauigkeit geschuldete Möglichkeit vorbehalten, „dass so mancher Terrorismus als eine Reaktion auf das, was andere strukturelle Gewalt nennen, gerechtfertigt werden könnte" (160). Zweitens mündet Honderichs auf den ersten Blick ausgewogener Standpunkt letztlich in einer kollektiven (Selbst-) Anklage der westlichen Gesellschaften: „Es ist die Wahrheit, wenn nicht sogar die einzige Wahrheit, dass wir unermeßlich mehr getan haben als die Mörder vom 11. September [...]. Unser Beitrag bestand nicht in einer einzigen monströsen Tat." (199) Vor einem Gerichtshof der Menschlichkeit müssten sich nach Ansicht des Autors noch vor Osama Bin Laden „insbesondere Ronald Reagan und Margaret Thatcher" (198) verantworten. Der eingangs aus humanistischer Perspektive verurteilte islamistische Terrorismus erscheint aus dieser Perspektive nicht mehr als moralisch, sondern lediglich als strategisch verfehlt: „Der 11. September war falsch, weil man nicht von ihm glauben konnte, dass er wahrscheinlich sein Ziel [die westlichen Gesellschaften zu selbstkritischem Denken anzuregen] erreichen werde." (202) Drittens argumentiert Honderich in einigen Passagen antizionistisch. Zwar lässt er es offen, ob es nicht womöglich eine Rechtfertigung für „den besonderen Terrorismus gab, der zur Existenz des Staates Israel führte" (158), er lässt aber auf der anderen Seite keinen Zweifel daran, „dass die Palästinenser mit ihrem Terrorismus gegen die Israelis ein moralisches Recht ausgeübt haben" (236 [Hervorhebung FW]). Wegen der vermeintlich antisemitischen Haltung des Autors - dem Rezensenten erscheint nur der schwächere Vorwurf des Antizionismus gerechtfertigt - hat der Suhrkamp-Verlag die Rechte an dem Buch zurückgegeben, eine Neuauflage wird es nicht geben.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.44
Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Ted Honderich: Nach dem Terror. Frankfurt a. M.: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/18941-nach-dem-terror_21976, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 21976
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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