/ 04.06.2013
Vittorio Hösle
Moral und Politik. Grundlagen einer Politischen Ethik für das 21. Jahrhundert
München: C. H. Beck 1997; 1.216 S.; Ln., 98,- DM; ISBN 3-406-42797-9Mit seiner systematischen und historischen Aufarbeitung des Verhältnisses von Moral und Politik will Hösle die gegenwärtige "Orientierungskrise" (13) der Politik entschärfen. Dabei ist er von einer besonderen Dringlichkeit seines Anliegens getrieben: "Solange es nicht gelingt, eine den Phänomenen gerechtere, logisch konsistentere und in ihrer Struktur einfachere Theorie des momentanen Weltzustandes zu entwickeln, als heute allgemein zur Verfügung steht, solange es nicht glückt, Sicherheit im Urteil mit Differenziertheit der Analysen zu verbinden, wird die Politik nicht ihre wichtigtuerische Hilflosigkeit überwinden können." (14) Und genau eine solche Theorie des momentanen Weltzustandes peilt Hösle mit seinem Buch an. Es geht ihm um eine "Vision des Ganzen, von der aus dann weitergearbeitet werden kann" (19).
Im einzelnen arbeitet er systematisch die politische Ideengeschichte nach den Aussagen zum Verhältnis Moral und Politik durch. Der zweite große Teil seines Buches "Grundlinien einer Theorie des Sozialen" beschäftigt sich dann nacheinander mit dem Menschen, der Macht und dem Staat und seiner Geschichte. Nicht nur in dieser Hinsicht drängen sich Parallelen mit Thomas Hobbes' Gesamtwerk auf. Und in der Tat sieht Hösle hier gewisse strukturelle Ähnlichkeiten, indem er schon im Vorwort auf die politische Intention Hobbes' eingeht. Allerdings: "Was der Menschheit droht, ist weitaus schlimmer als der englische Bürgerkrieg." (20) Der dritte Abschnitt des Buches handelt dann vom gerechten Staat, der gerechten Politik und entwickelt den Abriß einer politischen Ethik für das 21. Jahrhundert. Dem politischen Praktiker, an den sich Hösle besonders wendet, empfiehlt er, sich zunächst nur diese Schlußfolgerungen anzusehen, und sich eventuell die Herleitung bei Interesse noch im einzelnen anzusehen. Damit nimmt Hösle etwaige Kritik schon vorweg. Neben einer nicht immer ganz einheitlichen Terminologie gesteht er sich selbst ein: "Die Themen- und Methodenvielfalt macht dieses Buch noch schwerer lesbar, welches sich ohnehin nicht als Einführung versteht, manches an Wissen voraussetzt und oft allzu dicht ist." (18)
Im praxisorientierten Teil beschäftigt sich Hösle nahezu mit der gesamten Bandbreite politischer Streitfragen von Abtreibung bis zu Zwangsmaßnahmen des UN-Sicherheitsrates. Dabei gibt er oftmals die gängigen Argumente und Diskussionen wieder und spricht sich in der Mehrzahl der Fälle für die Common-sense-Meinung der theoretischen Debatte aus; in einigen Fällen neigt er hingegen zu sehr unkonventionellen Lösungen. In platonisch anmutender Weise scheut er nicht die Frage nach der Skizze des "idealen Staates" zu stellen (17) und untersucht, "was gerechte Politik ist". Man kann Hösle nicht vorwerfen, er habe kein Gespür für die begrenzte Realisierbarkeit bestimmter Forderungen, da er sich auffallend häufig der Hindernisse ihrer Verwirklichung bewußt ist und insofern durchaus auch die Eigengesetzlichkeiten des Politischen anerkennt, die mehr ausmachen als das Aufstellen und Umsetzen von Forderungen. Doch gerade auch im internationalen Bereich ist Hösles Anliegen die Normierung der Politik; hier will er ebenfalls die Debatte durch Vorgabe der Lösungen bereichern: "Ohne normative Vorstellung über das, was politisch erstrebt werden darf und soll, kann Politik nicht mehr sein als kleinlicher Machtkampf." (14) Dabei wird deutlich, daß er dem politischen Prozeß an sich nichts zuzutrauen scheint. Der Idee, die Lösung eines Problems könnte sich durch Bearbeitung mit den politischen Mitteln eines demokratischen Systems ergeben, vertraut er nicht. Und so stellt er denn auch fest: "[W]enn die sozialen Institutionen so sind, wie sie sein sollen, reduziert sich Politik im wesentlichen auf Verwaltung." (17)
Selbst wenn man den Gesamtansatz seines Buches nicht nachvollziehen will, stellt sich Hösles Buch als ein Nachschlagewerk zu aktuellen politischen Streitfragen dar, in dem sich sehr konzise ideengeschichtliche Teilkapitel finden, die auch getrennt gelesen eine spannende Lektüre bilden. Daß die kontroverse Formulierung von Visionen fruchtbringender ist als philosophisches Schweigen, ist die Grundüberzeugung, die hinter diesem Buch steht. So umstritten, problematisch und auch verfehlt einige seiner Aussagen sein möchten - Hösle hat es zumindest gewagt, die "Orientierungskrise" (13) der Politik mit philosophischen Mitteln zu entschärfen. Insofern ist es ein diskussionswürdiges Buch, aber bei weitem kein Vademekum für alle politischen Streitfragen.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 5.44
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Vittorio Hösle: Moral und Politik. München: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3837-moral-und-politik_5429, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 5429
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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