/ 16.01.2014
David Nirenberg
»Jüdisch« als politisches Konzept. Eine Kritik der Politischen Theologie. Aus dem Englischen von Karin Wördemann
Göttingen: Wallstein Verlag 2013 (Historische Geisteswissenschaften. Frankfurter Vorträge 6); 55 S.; brosch., 9,90 €; ISBN 978-3-8353-1240-1Der Historiker David Nirenberg, der an der University of Chicago lehrt, rekonstruiert in seinem Essay „das Judentum als eine Figur des christlichen Denkens“. Er betrachtet dabei die Politische Theologie als „eine Konzeption des Politischen, die durch die christlichen Vorstellungen vom Judentum als Feind entstanden ist“ (5). Dass diese Denktradition bis zu Carl Schmitt reicht, wird bei der theoretischen Erklärung des Feindbildes deutlich. Nirenberg untersucht die These zunächst anhand frühchristlicher Texte, deren die Unterscheidung zwischen dem Gehorsam gegenüber einer weltlichen Macht sowie der Autorität Gottes beziehungsweise „dem Begehren des Fleisches und dem Begehren des Geistes“ (9) gemein ist. Dabei erfährt das Judentum eine Gleichsetzung mit dem Fleisch sowie mit den irdischen Begehrlichkeiten beziehungsweise der weltlichen Herrschaft. Nirenberg beschäftigt sich unter anderem mit Augustinus, der in den Worten des Autors den Juden ein geistloses und ewiges Elend des Fleisches bescheinigte. Nirenberg weist auf das Zwei‑Körper‑Problem hin und stellt fest, „dass die Gefahr eines politischen ‚Judaismus‘ in einer materiellen Welt, die unweigerlich von Systemen abhängt, die im christlichen Denken als jüdisch stigmatisiert sind – Systeme wie das Recht, die symbolische Kommunikation, materieller und ökonomischer Tausch, nicht vermeidbar ist“ (42). Gegen Ende der ideengeschichtlichen Erörterung behandelt er die Frage nach dem Umgang der Moderne mit diesem Problem und stellt anhand der Kritik Marx‘ und Engels an Hegels Wiedereinschreibung der „politischen Gefahren des Judentums“ (46) deren Forderung nach der „Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum“ (47) durch die Überwindung des Geldes, als ursprüngliches Übel, dar. Abschließend weist Nirenberg darauf hin, dass das Christentum zwar nicht die „Spaltung in die zwei politischen Körper des Fleisches und des Geistes erfunden [habe], aber die Abbildung dieser Politik auf die kognitiven Kategorien des ‚Juden‘ und des ‚Christen‘“ (53). Dies sei unter anderem dafür verantwortlich, dass die vermeintliche Auseinandersetzung mit dem „Jüdischen“ in Europa eine teilweise „entsetzliche Form“ (55) bekam.
Timo Freudenberger (TF)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.23 | 2.24
Empfohlene Zitierweise: Timo Freudenberger, Rezension zu: David Nirenberg: »Jüdisch« als politisches Konzept. Göttingen: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36620-juedisch-als-politisches-konzept_44831, veröffentlicht am 16.01.2014.
Buch-Nr.: 44831
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Dr., Politikwissenschaftler.
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