/ 04.06.2013
Florian Gerster
Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Gewinner und Verlierer im Sozialstaat
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 1997; 202 S.; brosch., 38,- DM; ISBN 3-7890-5134-9Gerster, rheinland-pfälzischer Minister für Arbeit, Soziales und Gesundheit und Mitglied des Parteirates der SPD, versteht seine Schrift als Plädoyer für eine Modernisierung von Sozialpolitik, die sich an einem Zukunftsmodell orientiert, "das in Europa vergleichbare Verhältnisse will und dafür sorgen kann, daß Errungenschaften der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie nicht verloren gehen" (7). Angesichts des primär wirtschaftlich dominierten europäischen Integrationsprozesses und der nachhaltigen Erosion gerade auch sozialdemokratischer Milieus sind das sehr mutige Orientierungen, die - ähnlich wie der prägnante Buchtitel - den Text vorab mit hohen Ansprüchen belasten. Freilich sollte man bei Texten, die aus der politischen Praxis heraus formuliert sind, keine systematischen Analysen - etwa des "inversen" Zusammenhangs von zunehmender Verrechtlichung und abnehmender Solidarität - erwarten, aber der Autor bleibt über weite Strecken doch zu sehr in der "Programmsprache" politischer Akteure befangen, als daß seine Vision eines sozialpolitischen Umbaus ausreichend scharfe Konturen annehmen könnte. Das gilt einerseits für die "Abrechnung" mit der Ära Kohl (15-61) - auch wenn sie vielfach zutreffend ausfällt -, andererseits für die Stichworte (Subsidiarität, Generationenvertrag, solidarische Selbsthilfe), die eine "Überwindung des Wohlfahrtsstaates" (zurück zum "Sozialstaat"?) signalisieren sollen (153 ff.). Insgesamt umkreisen diese Überlegungen - ebenso wie die aufschlußreichen Interviews mit unterschiedlichen Sozialexperten (75-150) - das Desiderat einer neuen gemeinnützigen Sozialmoral, ohne deren institutionelle Voraussetzungen greifbar zu machen.
Inhalt: Deutschland im Jahre 15 seit Kohl: Im Jahre 15 seit Kohl: Verlierer und Gewinner; Politisch vereint - sozial gespalten: die deutsche Einheit; Globalisierung - das Ende der Nationalökonomie?; Vollbeschäftigung - eine Illusion?; Die Überdehnung des Sozialstaates. Soziale Wirklichkeit in Deutschland - Gibt es mehrere Wirklichkeiten? Gespräche mit: Helmut Fahlbusch: "Viele Gewinner, wenige Verlierer"; Christoph Fuchs: "Es ist nicht mehr alles bezahlbar, was machbar ist"; Rudolf Hammerschmidt: "Der ältere Mensch wird privilegiert"; Christoph Matschie: "Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens"; Manfred Prisching: "Der Sozialstaat ist eine großartige abendländische Erfindung"; Matthias Rösch: "Wir müssen Barrieren abbauen"; Thilo Sarrazin: "Jeder soll würdig leben - auf bescheidenem Standard"; Hubertus Schmoldt: "Ich bin ein glühender Verfechter des Konsensmodells"; Hermann Josef Spital: "Der Sozialstaat muß angepaßt werden"; Efsun Yildiz: "Jeder einzelne sollte sozialstaatlich denken". Die Überwindung des Wohlfahrtsstaats: Hilfe zur Selbsthilfe: Rückkehr zur Subsidiarität; Deutschlands Zukunft: Generationenvertrag oder Nullsummenspiel?; Eigennutz und Gemeinsinn: für die Wiederbelebung der Solidarität; Ausblick.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.342
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Florian Gerster: Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Baden-Baden: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5551-gesellschaft-mit-beschraenkter-haftung_7240, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 7240
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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