/ 07.06.2013
Daniel Gerster
Friedensdialoge im Kalten Krieg. Eine Geschichte der Katholiken in der Bundesrepublik 1957-1983
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2012 (Campus Historische Studien 65); 375 S.; kart., 39,90 €; ISBN 978-3-593-39737-5Diss. Europäisches Hochschulinstitut Florenz; Begutachtung: H.‑G. Haupt, B. Zimmermann. – Mit einem stark verdichteten Überblick über die friedenspolitischen Debatten der westdeutschen Katholiken leistet Daniel Gerster einen Beitrag zur Sozial‑ und Kulturgeschichte der Bundesrepublik im Ost‑West‑Konflikt. Die Eingrenzung bis 1983 resultiert aus einer Beschränkung der Analyse auf das nukleare Zeitalter und die Diskussionen um atomare Bewaffnung, Abrüstung und Friedensinitiativen. Unter dem Spannungsbogen differenter Positionen innerhalb des katholischen Diskurses gelingt es dem Autor, nicht nur das politische Feld zu vermessen, sondern auch religiöse Argumente – wie die Stärkung des individuellen Gewissens in der katholischen Ethik – zu erkennen. Besonders das Zweite Vatikanische Konzil (1962‑1965) beförderte nach Gerster einerseits Tendenzen der Öffnung hin zur Schaffung einer katholischen Öffentlichkeit, andererseits Tendenzen der Verkirchlichung und Reformierung des bisherigen Ordnungs‑ und Autoritätsgedankens. Gerster resümiert, dass sich insgesamt für den Untersuchungszeitraum eine Tendenz der Politisierung und Annäherung an andere gesellschaftliche Akteure sowie eine Demokratisierung der Laienbewegung erkennen lassen – die westdeutschen Katholiken mussten sich mit Forderungen nach Demokratisierung und Entwicklungsförderung ebenso auseinandersetzen wie die religiöse Ethik Fragen der Menschenrechte oder des Wandels von der Kriegs‑ zur Friedenspolitik aufnahm. Auch wenn Gerster einen stringenten Überblick über Akteure, Initiativen und Plattformen gibt, fehlt seiner Querschnittsanalyse an einigen Stellen die Vertiefung in die Texte und Stellungnahmen. Dass die innerkatholische Dynamik auch durch ein Wechselspiel mit anderen gesellschaftlichen und politischen Akteuren erzeugt wurde, könnte nicht nur anhand des Vietnamkonflikts oder der Entspannungspolitik noch stärker hervorgehoben werden, denn in diesem Sinne trugen die innerkatholischen Debatten zu einer Pluralisierung der politischen Kultur in der Bundesrepublik bei.
Ellen Thümmler (ET)
Dr., Politikwissenschaftlerin, wiss. Mitarbeiterin, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.313 | 2.35 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Ellen Thümmler, Rezension zu: Daniel Gerster: Friedensdialoge im Kalten Krieg. Frankfurt a. M./New York: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9220-friedensdialoge-im-kalten-krieg_43171, veröffentlicht am 07.03.2013.
Buch-Nr.: 43171
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Dr., Politikwissenschaftlerin, wiss. Mitarbeiterin, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
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