Skip to main content
/ 17.06.2013
Gisela Diewald-Kerkmann

Frauen, Terrorismus und Justiz. Prozesse gegen weibliche Mitglieder der RAF und der Bewegung 2. Juni

Düsseldorf: Droste Verlag 2009 (Schriften des Bundesarchivs 71); VII, 363 S.; geb., 42,- €; ISBN 978-3-7700-1627-3
Geschichtswiss. Habilitationsschrift. – Die Autorin rekonstruiert das Wechselverhältnis zwischen Politik, Justiz, Medien und RAF bzw. Bewegung 2. Juni, wobei sie die Frage, welche Rolle die Frauen in diesen Terrorvereinigungen spielten und welche Rolle ihnen von Staat und Gesellschaft zugeschrieben wurde, in den Mittelpunkt stellt. Diewald-Kerkmann verweist kurz darauf, dass der Komplex Gewalt und Frauen historisch kein neues Phänomen darstellte, sieht den Anteil der Frauen in den Terrororganisationen von fast der Hälfte der Mitglieder aber als bemerkenswert an. Sie interessiert sich zum einen für die Motive der Frauen und beschreibt diese als nicht grundsätzlich von denen der Männer verschieden. Die Historikerin betont, dass die Deutung, bei der RAF handele es sich um eine Fortschreibung der studentischen Protestbewegung von 1968, ausblendet, dass diese in gesellschaftlichen Umbrüchen wurzelte – und nur dazu dient, mittels einer gewalttätigen sehr kleinen Minderheit eine ganze soziale Bewegung zu diskreditieren. Auch die Unterstellungen u. a. des Bundeskriminalamtes, die Terroristinnen seien entweder zur Gewalt verführt worden oder ihre Gewalttätigkeit sei das Ergebnis der Frauenemanzipation, weist die Autorin mangels Belegen zurück. Sie vertritt die These, dass der Übertritt vom Protest zum Terror bei Männern wie bei Frauen eine individuelle Entscheidung in einem spezifischen historischen Kontext war – Diewald-Kerkmann erinnert auch an die große Mehrheit der 68er, die friedlich den Marsch durch die Institutionen antrat. Außerdem stellt sie fest, dass geschlechtsspezifische Kriterien, anders als von ihr eingangs angenommen, in den Strafprozessen in den Hintergrund traten, die Terroristen wurden – Männer wie Frauen – als Bedrohung des Staates wahrgenommen. Somit ergibt die Analyse der Prozesse vor allem Aufschlüsse darüber, mit welchen Erwartungshaltungen von Politik und Gesellschaft die Gerichte konfrontiert waren – entsprechend schwer sei es der Justiz gefallen, eine Trennlinie zwischen politischen Motiven und gerichtsverwertbaren kriminellen Handlungen zu ziehen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.372.3132.362.323 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Gisela Diewald-Kerkmann: Frauen, Terrorismus und Justiz. Düsseldorf: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14845-frauen-terrorismus-und-justiz_38152, veröffentlicht am 28.04.2010. Buch-Nr.: 38152 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA