/ 04.06.2013
Brigitte Kassel
Frauen in einer Männerwelt. Frauenerwerbsarbeit in der Metallindustrie und ihre Interessenvertretung durch den Deutschen Metallarbeiter-Verband (1891-1933)
Köln: Bund-Verlag 1997 (Schriftenreihe der Otto Brenner Stiftung 66); 725 S.; kart., 129,- DM; ISBN 3-7663-2798-4Kommunikations- und Geschichtswiss. Diss. Berlin; Erstgutachterin: K. Hausen. - Feministische Sozialpolitik hat in den vergangenen Jahren die Geschlechtsspezifik des "geteilten Sozialstaats" zum Thema gemacht. Ausgehend von der Tatsache, daß die Sozialgesetzgebung die ökonomische Abhängigkeit von Frauen zementiert(e), indem sie den Familienlohn des Familienvaters zur Grundlage der sozialen Sicherung macht(e), war schon die Sozialpolitik der Weimarer Verfassung keineswegs geschlechtsneutral, wie Kassel in ihrer materialreichen und lesenswerten Studie nachweist. Die Arbeit basiert auf äußerst breit angelegten Archivstudien, die sowohl gewerkschaftliche Aktenbestände wie Jahrbücher, Protokolle und Metallarbeiter-Zeitungen, aber auch die Akten der Berliner Gewerbeaufsicht einbeziehen.
Ein detaillierter Überblick über die Entwicklung der Frauenlohnarbeit in der Metallindustrie prüft dabei insbesondere die Zugangsmöglichkeiten von Frauen zum Erwerb von Qualifikationen. Der positive Entwicklungsschub während des Ersten Weltkriegs, der Frauen in der Ausbildung förderte, blieb auf die Kriegszeit beschränkt und brachte keinen dauerhaften Gewinn. In einem zweiten Teil zeigt die Autorin die Chancen und Schwierigkeiten gewerkschaftlicher Frauenpolitik, die sie als eine "Politik zur Sicherung des männlichen Prioritätsanspruchs auf dem Metallarbeitsmarkt" entlarvt. Sie stellt dabei den Topos der weiblichen Unorganisiertheit in Frage, indem sie auf unberücksichtigte Determinanten im Organisationsverhalten aufmerksam macht, wie z. B. auf die der beruflichen Qualifikation. Erst mit höherem Ausbildungsgrad steige das eigene Berufsbewußtsein und damit die Bereitschaft, sich zu organisieren: so zeigen Vergleichszahlen, daß ungelernte Arbeiterinnen nicht schlechter organisiert waren als ihre männlichen Kollegen.
Der Metallgewerkschaft (DMV) weist die Autorin zwischen 1891 und 1933 mangelnde Selbstkritik und Ignoranz in bezug auf die Interessen ihrer weiblichen Mitglieder nach. Das der Politik des Metallverbandes zugrundeliegende Frauen- und Familienbild zeige sich z. B. an der Benachteiligung von Frauen in der Lohn- und Tarifpolitik: ab dem 16./18. Lebensjahr wuchs der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen von Jahr zu Jahr. Forderungen nach Lohnverbesserungen für Frauen waren ferne Zukunftsmusik. Allegorische Darstellungen der Frau als "Übermutter" in der Gewerkschaftswerbung versteht Kassel daher vor allem als symbolische Entlastung von der alltäglichen Verpflichtung zu wirklicher Gleichberechtigung von Frauen, als "Prophylaxe für den Machtverlust des starken Geschlechts" (646).
Claudia Bruns (CB)
Dr., Historikerin.
Rubrizierung: 2.36 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Claudia Bruns, Rezension zu: Brigitte Kassel: Frauen in einer Männerwelt. Köln: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4626-frauen-in-einer-maennerwelt_6891, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 6891
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Dr., Historikerin.
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