/ 22.06.2013
Rémi Brague
Europa – seine Kultur, seine Barbarei. Exzentrische Identität und römische Sekundarität. Hrsg. von Christoph Böhr
Wiesbaden: Springer VS 2012 (Das Bild vom Menschen und die Ordnung der Gesellschaft); 251 S.; 2., überarb. und erw. Aufl.; brosch., 19,95 €; ISBN 978-3-531-18473-9Es ist dem Herausgeber Christoph Böhr gelungen, Rémi Brague als Autor für die neue Reihe „Das Bild vom Menschen und die Ordnung der Gesellschaft“ zu gewinnen, der sein bereits 1993 erschienenes Buch nun überarbeitet und stark erweitert hat. Aus einer religions- und kulturphilosophischen Sicht reflektiert Brague das Verständnis der europäischen Identität. Diese basiere auf römischen Quellen, die zu Zeiten entstanden, als Europa noch nicht existierte. Dementsprechend ist die europäische Identität für Brague eine sekundär gedeutete „Romanität“ (35), in der viele wichtige Strömungen wie etwa die griechische Kultur und die jüdische Religion zu einem eigenen Denken verschmolzen. Die eigene Identität römisch zu nennen, bedeutet daher, „anzuerkennen, dass man im Grunde nicht erfunden [hat], wohl aber es verstand, eine Strömung, die von weiter oben kam, ohne Unterbrechung […] weiter fließen zu lassen“ (98). Vor diesem Hintergrund warnt Brague eindringlich davor, „selbstzufrieden auf die griechischen, lateinischen oder jüdischen Kulturschätze zurückzugreifen, als ob es sich dabei um eine Rente handelte, welche den faulen Besitzer dazu berechtigte, einen ‚Rundgang des Eigentümers im Garten der Vergangenheit‘ zu machen“ (142). Vielmehr kommt eine unreflektierte Berufung auf die vermeintliche Größe oder Glanzzeit der eigenen Kultur einer Selbstüberhöhung gleich, da Kultur nicht ohne Makel wie etwa Besetzung und Eroberung entstehen kann. Dementsprechend ist es für Brague in Bezug auf das europäische Selbstverständnis und den Umgang mit anderen Kulturen wichtig, die Vergangenheit kritisch zu reflektieren und „Tischmanieren“ (144) an den Tag zu legen, die einer Überheblichkeit vorbeugen. Neben der Selbstüberhöhung gibt es für Brague aus der genau entgegengesetzten Richtung aber auch Tendenzen wie den „Marcionismus“ (200), der Europa bedrohe: Die gnostische Strömung betrachte einen mit der Vergangenheit unverbundenen (auch auf rein technischen Entwicklungen fußenden) Fortschrittsgedanken als legitim, sodass er das Studium klassischer Quellen und die Kenntnis der in ihnen wohnenden, für die eigene Identität wichtigen Gedanken nicht mehr notwendig erscheinen lasse.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.61 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Rémi Brague: Europa – seine Kultur, seine Barbarei. Wiesbaden: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34584-europa--seine-kultur-seine-barbarei_41551, veröffentlicht am 29.11.2012.
Buch-Nr.: 41551
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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