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/ 17.06.2013
David I. Kertzer

Die Päpste gegen die Juden. Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus

Berlin/München: Propyläen Verlag 2001; 447 S.; geb., 25,- €; ISBN 3-549-07147-7
Die Vatikankommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, die im Auftrag von Papst Johannes Paul II. die Frage nach der Verantwortung des Vatikans an der Ermordung der Juden im Zweiten Weltkrieg zu klären hatte, legte im März 1998 ihren Bericht der Öffentlichkeit vor. In ihm gestand sie die jahrhundertelange Diskriminierung, die auch durch falsche Auslegungen der christlichen Lehren gefördert worden sei, ein. Allerdings habe sie mit dem 18. Jahrhundert ein Ende gefunden. Dieser "Antijudaismus" sei durch die im 19. Jahrhundert entstandenen Rassetheorien verschärft worden. Dem aus den rassistischen Ideologien erwachsenden Antisemitismus habe die Kirche dagegen stets verdammt, da er "sich auf Theorien stützt, die im Widerspruch zur beständigen Lehre der Kirche über die Einheit des Menschengeschlechts und über die gleiche Würde aller Rassen und Völker stehen". Diese Schlussfolgerungen mag Kertzer so nicht teilen. "Wenn der Vatikan die Vernichtung der Juden auch nie gutgeheißen hat - und tatsächlich, wenn auch im Stillen, gegen sie opponierte -, trug die Katholische Kirche mit Worten und Taten doch zu ihrer Ermöglichung bei." (16) Zugleich betont er, dass die Ausrottung der Juden ebenso wie die "rassenreine" Gesellschaft der Nationalsozialisten der katholischen Theologie widersprach. Aber seit der Französischen Revolution und dem Untergang eines eigenen Staates, der die Päpste in ihrem Kampf gegen Veränderung, Liberalismus und Säkularisierung zu dem neuen Instrument der katholischen Presse greifen ließ, begann "die Transformation der traditionellen kirchlichen Feindseligkeit gegenüber den Juden in den modernen Antisemitismus" (21). Denn "als Nutznießer der neuen Zeit mit den Ideen von Freiheit und Gleichheit wurden Juden in den Augen der Prälaten des Vatikans zum Symbol der verabscheuten Modernität" (19). Gleichwohl betont Kertzer, dass sich der gesamte europäische Antisemitismus nicht auf das Christentum zurückführen lässt. Er erinnert an die vielen erbitterten Gegner der Kirche, die gleichwohl eine "hässliche Spielart des Antisemitismus" vertraten, wie z. B. Voltaire, Marx und Proudhon. Das Buch beruht in weiten Teilen auf den 1998 Wissenschaftlern zugänglich gemachten Archiven des Heiligen Offiziums der Inquisition und anderen Archiven des Vatikans, die in den letzten Jahren geöffnet wurden. Inhalt: I. Der angestammte Platz der Juden: Eine versäumte Gelegenheit; Zwangstaufen; Das Ghetto; Rückkehr des Ritualmords; Das Ende einer Ära. II. Die Katholische Kirche und der Aufstieg des modernen Antisemitismus: Die katholische Presse; Jüdische Vampire; Frankreich; Österreich; Rassismus; Ritualmord und die Päpste des 20. Jahrhunderts. III. Am Vorabend des Holocaust: Ein künftiger Papst in Polen; Auf der Schwelle zum Holocaust.
Heinz-Werner Höffken (HÖ)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
Rubrizierung: 2.23 Empfohlene Zitierweise: Heinz-Werner Höffken, Rezension zu: David I. Kertzer: Die Päpste gegen die Juden. Berlin/München: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15921-die-paepste-gegen-die-juden_18209, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 18209 Rezension drucken
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