/ 17.06.2013
Heleno Saña
Die libertäre Revolution. Die Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg
Hamburg: Edition Nautilus 2001; 319 S.; pb., 20,80 €; ISBN 3-89401-378-8Der inzwischen seit mehr als vierzig Jahren in Deutschland lebende Autor verfolgt den Anspruch, gerade für das deutsche Publikum ein neues Licht auf die heute (wie er vehement behauptet: zu Unrecht) weitestgehend vergessene libertär-linkssozialistische Revolution in Spanien ab 1936 zu werfen. Die deutsche Öffentlichkeit sei "über die Ereignisse in Spanien von Anfang an gründlich desinformiert" (12) worden, und zwar ebenso vor wie auch - mit verschiedenen Vorzeichen zwar, aber sonst gleichermaßen in Ost und West - nach dem Zweiten Weltkrieg. Saña beruft sich nicht nur auf die entsprechende Literatur, sondern schöpft erklärtermaßen vor allem auch aus dem Fundus mündlich überlieferter und später selbst gesammelter Erfahrungen im Dienste der anarchosyndikalistischen Sache. Das Ergebnis verstößt gegen einige der elementarsten Kriterien der Wissenschaftlichkeit. Nicht nur lässt Saña die erforderliche emotionale Distanz zu seinem Gegenstand vollkommen vermissen, sondern er spricht wissenschaftlicher Forschung zu seinem Thema sogar mehrfach explizit jegliche Berechtigung ab: "Mit akademischem Fleiß wird man dem Wesen der spanischen Revolution kaum auf die Spur kommen." (15) Oder: "Hinter der vermeintlichen Sachlichkeit solcher Gelehrten, die den Anspruch erheben, nur 'strikte Wissenschaft' zu betreiben, erkennt man unschwer den Haß der Philister auf die menschliche Größe, die sie, im Gegensatz zu den spanischen Anarchisten, nicht besitzen." (14) Schon das Vorwort liest sich dementsprechend wie eine einzige Aneinanderreihung indignierter Invektiven gegen den Betrug des deutschen Nachkriegsstaates an den zurückkehrenden antifaschistischen Spanienkämpfern und gegen jegliche Auseinandersetzung mit der Revolution, die jemals auf deutschem Boden beziehungsweise in der deutschen Wissenschaft stattgefunden hat. Generisch und ohne konkrete Beispiele zu nennen, wirft er der Mehrzahl der deutschsprachigen Bücher über Spanien selbstgefällige Besserwisserei, Oberlehrerton, Hochnäsigkeit und kulturgeschichtlichen Autismus vor (15). Zwar durchaus detailliert, gerät seine Darstellung so von Beginn an zu einer mehr oder weniger plakativen Kampfschrift und bleibt damit unter jeder wissenschaftlich ernst gemeinten Kritik.
Thomas Nitzsche (TN)
M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
Rubrizierung: 2.61 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Thomas Nitzsche, Rezension zu: Heleno Saña: Die libertäre Revolution. Hamburg: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15566-die-libertaere-revolution_17744, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17744
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M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
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