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/ 05.06.2013
Heinz Bude

Die ironische Nation. Soziologie als Zeitdiagnose

Hamburg: Hamburger Edition 1999; 186 S.; geb., 38,- DM; ISBN 3-930908-47-6
Folgt man einer Unterscheidung des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Robert Nisbet, dann können soziologische Darstellungen entweder dem Typus der "Landschaftsmalerei" oder dem der "Porträtmalerei" nacheifern. Während erstere, sozusagen aus der Vogelperspektive, ein möglichst umfassendes Panorama von Gesellschaften liefern wollen, interessieren sich letztere für konkrete Ausschnitte des Sozialen - sei es in Gestalt spezifischer Stile, Kommunikationsformen oder Gruppen. Der Autor, Soziologe am Hamburger Institut für Sozialforschung, sieht seine Stärken eindeutig in der "Porträtmalerei", das zeigten schon seine früheren Studien über die Wege der Generationen der "Flakhelfer" oder der "68er". Auch die Aufsätze des vorliegenden Bandes - es handelt sich um Beiträge aus den Zeitschriften "Merkur" bzw. "Mittelweg" der Jahre 1994 bis 1998 - gehören in die Kategorie einer zeitdiagnostisch angelegten Soziologie. Der gemeinsame Horizont dieser Reflexionen, die ganz unterschiedliche Aspekte der gesellschaftlichen Selbstthematisierung aufgreifen, ist die Situation Deutschlands nach der Wende. Die - anerkannte - Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik beruhte auf einer Kombination von "Öffnung nach außen und Individualisierung nach innen" (10), die in Grundzügen eine postnationale Struktur habe erkennen lassen. "1989 ist die glückliche Zeit der ironischen Nation der Bundesrepublik mit einem Mal zu Ende gegangen." (22). Die neuen Unsicherheiten zeigen sich ebenso an der Wiederkehr des nationalen Motivs und im Verhalten gegenüber einer entstehenden Jugendbewegung von rechts wie im diffusen Bild, das die politische Elite gegenwärtig in der Öffentlichkeit hervorruft. Während der sozialwissenschaftliche Mainstream angesichts dieser Situation eher mit einem Rückzug auf Fachlichkeit reagiert, sieht Bude hier ausdrücklich die Chance soziologischer Zeitdiagnose. Allerdings: "Die Distanz, die sie als Fachdisziplin und Forschungsorganisation braucht, kommt ihr nur dann als Deutungskultur zugute, wenn sie den Kontakt zu den Deutungsbedürfnissen der Leute und den Ausdrucksformen der Gruppen nicht verliert." (8) Inhalt: Die ironische Nation; Deutsche Elite; Bewegung von rechts; Die Differenz nach der Einheit; Empörung ohne Moral; Das sozialdemokratische Argument; Kultur als Problem; Die Zukunft der Religion; Die Stabilität der Familie; Die Stadt und ihr Preis; Am Ende ratlos.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3132.372.35 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Heinz Bude: Die ironische Nation. Hamburg: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8085-die-ironische-nation_10692, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10692 Rezension drucken
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