/ 21.06.2013
Albrecht von Lucke
Die gefährdete Republik. Von Bonn nach Berlin. 1949 – 1989 – 2009
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2009 (Politik bei Wagenbach); 106 S.; 9,90 €; ISBN 978-3-8031-2605-4Der kleine Band ist schwierig zu charakterisieren; er schwankt zwischen sehr kurzem Buch und sehr langem Essay, zwischen analytischer Kritik und normativer Aufforderung. Ausgangspunkt ist der Gedanke, dass die Bonner Republik nicht zuletzt deshalb erfolgreich gewesen sei, weil sie sich ihrer Fragilität und Gefährdung stets bewusst gewesen sei. Dieses Bewusstsein fehle der Berliner Republik; mehr noch: „Wir haben die Republik verloren. Zumindest scheint die res publica, die öffentliche Sache, zunehmend auf der Strecke zu bleiben.“ (14) Stattdessen sei die Nation, sei Deutschland wiedergekehrt. Deutlich werde die Zäsur durch den Kosovo-Krieg. Die alte Bundesrepublik wird als eine postnationale Republik der Kommunikation definiert, mit „Überwindung des Freund-Feind-Gegensatzes“ (26), Abschaffung der Todesstrafe und „Einhegung tödlicher Konflikte durch den politischen Kompromiss“ (26). Lucke bezieht den 9.11. und den 11.9. aufeinander: „Am 11. September kam die Stunde Carl Schmitts“ (34). Damit konstatiert er die Wiederkehr der Feindbilder und der Dichotomie in die Politik, die Wiederkehr des Pathos, die es zu bekämpfen gelte. Die Dezision in der Definition des Feindes sieht er etwa in der Verschärfung der Asylpraxis hin zur Abschottung Europas. Auch nach innen sieht Lucke Probleme, die das Ende des Klassenkompromisses und damit das Ende des „Modells Deutschland“ (66) bedeuteten. Dies alles finde praktisch unter Ausschluss eines begleitenden Diskurses der Intellektuellen statt, der eine Stärke der Bonner Republik gewesen sei und den Lucke jetzt vermisst. Hier schließt sich der Kreis der Argumentation: In der Abkehr von klaren Alternativen und Diskursen erhöhe sich die Gefahr eines rechten Populismus und damit die Gefahr der Wiederkehr Weimars. Es ist ein engagierter Essay mit klaren Positionierungen, der in seiner Quellenauswahl jedoch sehr stark von der intendierten Beweisführung geleitet ist.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.3 | 2.313 | 2.315 | 2.331 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Albrecht von Lucke: Die gefährdete Republik. Berlin: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30591-die-gefaehrdete-republik_36329, veröffentlicht am 08.07.2009.
Buch-Nr.: 36329
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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