/ 19.09.2013
Bruno Tellia / Berthold Löffler
Deutschland im Werte-Dilemma. Kann der Islam wirklich zu Europa gehören?
München: Olzog 2013; 270 S.; hardc., 27,90 €; ISBN 978-3-7892-8307-9Den Autoren geht es um den vermeintlichen Nachweis, dass der islamische Glaube nicht mit europäischen Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Demokratie und Menschenrechte kompatibel sei. Entsprechend wird gleich auf den ersten Seiten ein mittels einer Allensbach‑Umfrage erhobenes Stimmungsbild in Deutschland als „Befund“ gewertet, der „die beliebte Parole islamistischer Aktivisten ‚Islam heißt Frieden‘ der Lächerlichkeit preis“ (18) gäbe. Der Argumentationsgang von Tellia und Löffler (Letzterer hat bereits in früheren Publikationen eine mangelnde Integrationsbereitschaft vieler Zuwanderer in Deutschland proklamiert und sich klar für Assimilation als einzig gangbaren Weg der Integration ausgesprochen) geht in etwa so: Der Islam (ohne dass die Autoren hier große Differenzierungen vornehmen würden) achtet keine aus dem Christentum entstandenen Werte, auf die sich (in säkularer Form) Europa beruft. Im Gegenteil: In islamischen Ländern genießen Christen keine Religionsfreiheit, sondern werden gewaltsam verfolgt. Dennoch fordern islamische Länder genau jene Toleranz von christlichen Staaten, die sie selbst nicht aufbringen wollen. Hinzu komme eine „hohe Kinderzahl bei muslimischen Einwanderern“, die den Europäer_innen signalisieren solle: „Wir halten an Kultur und Verhaltensweisen, wie wir sie aus unseren Herkunftsländern mitgebracht haben, unbeirrt fest“ (37). Entsprechend glauben die Autoren im Verhalten und in Äußerungen einzelner Personen das „Motiv der demografischen Eroberung“ (41) zu erkennen und prophezeien: Wenn Europa und mit ihm auch Deutschland dem Islam weiterhin so tolerant gegenübertrete, werde von den so wichtigen europäischen Werten kaum noch etwas bleiben. Um dies zu verhindern, müsse sich Europa deutlich stärker als bisher „seine griechischen, römischen und christlichen Wurzeln bewusst machen“ (193). Es ist schon bemerkenswert, wie leicht es sich die Autoren machen. Muslimische Einwander_innen seien bis auf wenige Ausnahmen nicht bereit, so die Behauptung, die europäischen Werte zu akzeptieren, und die, die es doch täten, „riskieren ihren Ausschluss aus der islamischen Gemeinschaft“ (225). Die europäische Kultur wird als etwas Statisches und Reines angenommen und sei jetzt vom vermeintlich ganz Anderen, nämlich dem Islam, gefährdet. Für ihre Argumentation werfen die Autoren alle islamischen Staaten und sämtliche Muslime in einen radikalen, gewaltbereiten Topf und stellen eine mehr als fragwürdige Kongruenz zwischen dem islamischen Glauben und den in Berufung auf ihn verübten Taten her. Die Inhalte dieser grobschlächtigen und mit den Ängsten der Bürger_innen spielenden Argumentation erinnern an ein 2010 veröffentlichtes Buch des ehemaligen Bundesbankvorstandes. Wie sich diese Ausführungen verorten lassen, haben bereits Ètienne Balibar, Robert Miles, Albrecht Memmi und Pierre‑André Taguieff in ihren erhellenden Studien zum Rassismus offengelegt.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.61 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Bruno Tellia / Berthold Löffler: Deutschland im Werte-Dilemma. München: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36188-deutschland-im-werte-dilemma_42512, veröffentlicht am 19.09.2013.
Buch-Nr.: 42512
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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