/ 07.06.2013
Georg Vobruba
Der postnationale Raum. Transformation von Souveränität und Grenzen in Europa
Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2012 (Edition Soziologie); 172 S.; brosch., 19,95 €; ISBN 978-3-7799-2722-8Den Ausgangspunkt der Analyse bildet die Feststellung, dass derzeit weltweit Transformationsprozesse politischer Räume beobachtbar sind, die (politische) Zugehörigkeiten und „damit Konflikt- und Kooperationsbeziehungen“ (5) konstituieren. Vor diesem Hintergrund analysiert Vobruba, wie sich im Zuge der Herausbildung eines postnationalen Raums in Europa auch die politische Souveränität und ihre territorial gebundenen Grenzen verändern. In diesem Kontext verdeutlicht er, wie Räume als Bezugsrahmen für eine Entwicklung von Institutionen sowie historischen Realitätsdeutungen dienen. So sei nicht nur zwischen einem europäischen und einem nationalen Raum zu unterscheiden, sondern auch zwischen den Perspektiven der Eliten und der „Leute“ (25). Zu Recht verweist Vobruba auf eine wachsende Diskrepanz zwischen der Sichtweise der Eliten, die Europa als „alternativloses Pazifizierungs- und Prosperitätsprojekt“ (20) verstehen, und der Perspektive der Bürger, die im Zuge des Integrationsprozesses eine wachsende soziale Uneinheitlichkeit in Europa wahrnehmen. In einer historischen Längsschnittanalyse wendet sich Vobruba in Abschnitt 2 der Frage zu, wie sich das Souveränitätsverständnis im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Mit Blick auf die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise sind dabei die Ausführungen zum Verhältnis zwischen Staat und Ökonomie, das seit Beginn des 20. Jahrhunderts verschiedene Theoretiker beschäftigt hat, von besonderem Interesse. Die Legitimationsfrage der EU sei nicht mehr eine Frage der Begründung von Souveränität, sondern immer mehr zu einer der „Balance zwischen Erwartungen an die politische Leistungsfähigkeit“ (51) und tatsächlichen Leistungen der Union geworden. Diese Output-Fixierung begründe verschiedene Dilemmata, die im gegenwärtigen Stadium der Union kaum auflösbar seien. Um seine These von den sich verändernden politischen Räumen empirisch zu unterfüttern, legt Vobruba in Abschnitt 3 eine Analyse zur europäischen Nachbarschaftspolitik vor. In diesem Kontext wirft er die interessante Frage auf, „ob die Europäische Union nicht schon deshalb immer weiterer Integrationsschritte bedarf, weil sich ihr erreichter Integrationsstand nicht stabilisieren lässt, also nur der fortwährende Integrationsprozess sie vor Desintegration bewahrt“ (65). Vobruba kommt zu dem Ergebnis, dass die Integration zwar scheitern könne, dies aber unwahrscheinlich sei. Vielmehr dürfte es auch weiterhin zu einer „Integration durch Konsensdruck“ (147) und Kooperationszwänge kommen – auch wenn damit Vertrauensverluste zwischen Eliten und Leuten verbunden seien.
Henrik Scheller (HS)
Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 3.1 | 3.5 | 3.6
Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Georg Vobruba: Der postnationale Raum. Weinheim/Basel: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9229-der-postnationale-raum_43191, veröffentlicht am 20.12.2012.
Buch-Nr.: 43191
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Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
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