/ 22.06.2013
Jan-Ole Prasse
Der kurze Höhenflug der NPD. Rechtsextreme Wahlerfolge der 1960er-Jahre
Marburg: Tectum Verlag 2010; 164 S.; pb., 24,90 €; ISBN 978-3-8288-2282-5Magisterarbeit FU Berlin; Gutachter: P. Nolte. – Eine derartige Kette von Wahlerfolgen, wie sie die NPD zwischen 1965 und 1969 erzielte, hat keine rechtsextreme oder rechtspopulistische Partei vor und nach ihr wieder erringen können. Die Frage nach den Bedingungen und Ursachen des „kurzen Höhenflugs der NPD“ wurde in jüngerer Zeit selten gestellt. Prasse tut dies vor dem Hintergrund der historiografischen Zuwendung zu den 60er-Jahren, einem „Scharnierjahrzehnt“ (8) in der deutschen Geschichte. Zunächst skizziert er die Gründung und Entwicklung der Partei sowie ihre ideologischen Grundlagen und wendet sich anschließend der „politischen Fundamentalopposition“ (83) der Partei zu, indem er ihre Positionen zu den drei Bundestagsparteien, zur deutschen Frage und internationalen Politik sowie zum sozioökonomischen Wandel analysiert. Im letzten Hauptkapitel entfaltet Prasse dann seine eigentliche These, die NPD habe sich in einem Jahrzehnt rasanten kulturellen Wandels zur „Hüterin des gesunden Volksempfindens“ (103) aufgeschwungen, traditionelle Wert- und Moralvorstellungen etwa in Fragen der Jugendkultur und Kulturpolitik oder der Geschlechterbeziehungen hochgehalten und die Pluralisierung der Gesellschaft und der Lebensstile, inklusive der Einwanderung, bekämpft. Dieser Faktor sei wesentlich stärker als bisher zu gewichten, fordert Prasse: Die „soziokulturelle Situation der sechziger Jahre“ erweise sich „als das […] fehlende Puzzleteil zur Erklärung der einzigartigen Dynamik der Wahlerfolge der NPD“ (137). Mit Recht betont Prasse, der Konflikt um den gesellschaftlichen Wandel, den die NPD hier „politisiert“ habe, sei „im Kern ein Konflikt um Pluralismus“ (137) gewesen. Tatsächlich vermag die Einbettung in diese spezifische Konfliktlage bislang zu wenig berücksichtigte Faktoren der NPD-Wahlerfolge besser zu erklären. Etwas aus dem Blickfeld gerät allenfalls der Sammlungscharakter der Partei, die unter ihrem Dach auch diejenigen integrieren konnte, die in den Siebzigern zu Motoren der Modernisierungs- und Erneuerungsprozesse innerhalb des nationaloppositionellen Lagers wurden und schon während der 60er-Jahre für sich in Anspruch genommen hatten, sie seien nicht die Letzten von gestern, sondern die Ersten von morgen.
Gideon Botsch (GB)
Dr., Dipl. Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam (http://www.mmz-potsdam.de).
Rubrizierung: 2.37 | 2.331 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Gideon Botsch, Rezension zu: Jan-Ole Prasse: Der kurze Höhenflug der NPD. Marburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32973-der-kurze-hoehenflug-der-npd_39389, veröffentlicht am 19.10.2010.
Buch-Nr.: 39389
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Dr., Dipl. Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam (http://www.mmz-potsdam.de).
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