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/ 19.06.2013
Matthias Frese / Julia Paulus / Karl Teppe (Hrsg.)

Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Die sechziger Jahre als Wendezeit der Bundesrepublik

Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2003 (Forschungen zur Regionalgeschichte 44); VIII, 839 S.; 64,- €; ISBN 3-506-79617-
„Die 1960er Jahre gehören im Bewusstsein der Bundesrepublik stärker als andere Dekaden zu den umstrittenen Zeitabschnitten westdeutscher Geschichte" (1), schreiben Frese und Paulus. Gemeint ist damit allerdings nicht allein die Studentenbewegung, die mit ihren öffentlichen Aktionen und Demonstrationen für Aufsehen und Unruhe sorgte. Die Autoren beginnen mit ihren Analysen deutlich vor 1968 und stellen bereits mit dem Ende der 50er-Jahre ein Ende der Wiederaufbauphase und einen beginnenden Wandel der politischen Kultur fest, mit dem sich die Bundesrepublik „kulturell und mental endgültig der westlichen Demokratie öffnete" (2). Die Aufsätze gliedern sich in die Themenbereiche Arbeitswelt und Geschlechterrollen, Öffentlichkeit, Verwaltung, Planung in unterschiedlichen Politikbereichen, Lebensstile und Deutungsmuster. Aufgezeigt werden vor allem auch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten: Am Beispiel der Katholikentage und der Parteitage der SPD weist Thomas Großbölting ein neues Bewusstsein für Öffentlichkeit und Offenheit bereits mit dem Anfang der 60er-Jahre nach. Die Studentenbewegung hat demnach 1968 mit ihrem Kampf gegen autoritäre Strukturen nicht immer am Nullpunkt angesetzt, wie auch Markus Köster am Beispiel der Heimerziehung von Kindern und Jugendlichen feststellt. Demgegenüber veränderte sich das traditionelle Verständnis von der Rolle der Frau weitaus langsamer. Wirklich thematisiert worden sei die Emanzipation erst in den 70er-Jahren, schreibt Paulus über die beginnende Wahrnehmung der Diskrepanz zwischen den in der Verfassung verbrieften Rechten der Frau und ihrer sozialen Rolle im Alltag. Die Beiträge gehen auf eine Tagung des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte im Februar 2000 zurück. Angeknüpft wurde damit an das Forschungsprojekt „Gesellschaft in Westfalen 1930 bis 1960". Aus dem Inhalt: Matthias Frese / Julia Paulus: Geschwindigkeiten und Faktoren des Wandels - die 1960er Jahre in der Bundesrepublik (1-23) I. Erwerbs-, Familien-, Hausarbeit - Geschlechterrollen im Wandel Merith Niehuss: Einführung (27-37) Helene Albers: Bäuerliche Familien zwischen Agrarmodernisierung und gesellschaftlichem Wertewandel (39-61) Christine von Oertzen: Teilzeitarbeit für die ‚moderne' Ehefrau: Gesellschaftlicher Wandel und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in den 1960er Jahren (63-81) Ulrike Lindner: Rationalisierungsdiskurse und Aushandlungsprozesse. Der moderne Haushalt und die traditionelle Hausfrauenrolle in den 1960er Jahren (83-106) Julia Paulus: Familienrollen und Geschlechterverhältnisse im Wandel (107-119) Kristina Schulz: 1968: Lesarten der ‚sexuellen Revolution' (121-133) II. Politik und Öffentlichkeit Anselm Doering-Manteuffel: Einführung (137-146) Thomas Großbölting: Als Laien und Genossen das Fragen lernten. Neue Formen institutioneller Öffentlichkeit im Katholizismus und in der Arbeiterbewegung der sechziger Jahre (147-179) Julia Angster: Der neue Stil. Die Amerikanisierung des Wahlkampfs und der Wandel im Politikverständnis bei CDU und SPD in den 1960er Jahren (181-204) Christina von Hodenberg: Konkurrierende Konzepte von „Öffentlichkeit" in der Orientierungskrise der 60er Jahre (205-226) Edgar Wolfrum: Das westdeutsche „Geschichtsbild" entsteht. Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und neues bundesrepublikanisches Staatsbewusstsein (227-246) III. Planung als Reformprinzip Hans Günter Hockerts: Einführung (249-257) Wilfried Rudloff: Bildungsplanung in den Jahren des Bildungsbooms (259-282) Georg Altmann: Vollbeschäftigung durch Planung? Das Reformprojekt „Vorausschauende Arbeitsmarktpolitik" in den 1960er Jahren (283-304) Karl Ditt: Die Anfänge der Umweltpolitik in der Bundesrepublik Deutschland während der 1960er und frühen 1970er Jahre (305-347) Winfried Süß: „Wer aber denkt für das Ganze?" Aufstieg und Fall der ressortübergreifenden Planung im Bundeskanzleramt (349-377) Thomas Schlemmer / Stefan Grüner / Jaromír Balcar: „Entwicklungshilfe im eigenen Lande" - Landesplanung in Bayern nach 1945 (379-450) Karl Lauschke: Von der Krisenbewältigung zur Planungseuphorie. Regionale Strukturpolitik und Landesplanung in Nordrhein-Westfalen (451-471) Norwich Rüße: ‚Agrarrevolution' und agrarpolitische Weichenstellungen in Nordrhein-Westfalen nach dem Zweiten Weltkrieg (473-491) IV. Verwaltung und Bürger Michael Ruck: Einführung (495-504) Dieter Grunow / Hildegard Pamme: Kommunale Verwaltung: Gestaltungsspielräume und Ausbau von Partizipationschancen? (505-528) Sabine Mecking: „Besonders qualifizierte Persönlichkeit gesucht". Rekrutierungsfelder und Karrieremuster der städtischen Verwaltungselite eines typischen Behördenquartiers von 1945 bis 1975 (529-547) Klaus Weinhauer: ‚Freund und Helfer' an der ‚Front': Patriarchen, Modernisierer und Gruppenkohäsion in der westdeutschen Schutzpolizei von Mitte der 1950er bis in die frühen 1970er Jahre (549-573) V. Lebensstile im Wandel Axel Schildt: Einführung (577-586) Michael Prinz: Das Ende der Bescheidenheit und der Untergang der deutschen Konsumvereine in den 1960er Jahren (587-614) Georg Wagner-Kyora: ‚Das Zweckmäßige ist fast immer auch schön' - Stadtplanung, Wohnkultur und Lebensstile in der Bundesrepublik der sechziger Jahre (615-646) Konrad Dussel: Medienkonsum als Ausdruck sozialen Lebensstils. Überlegungen zu Entwicklungen in den sechziger und frühen siebziger Jahren (647-665) Markus Köster: Holt die Kinder aus den Heimen! - Veränderungen im öffentlichen Umgang mit Jugendlichen in den 1960er Jahren am Beispiel der Heimerziehung (667-681) Thomas Küster: Das Erlernen des Dialogs. Veränderungen des gesellschaftlichen Klimas nach 1968 am Beispiel eines Gütersloher Gymnasiums (683-705) VI. Deutungsmuster Karl Teppe: Einführung (709-714) Franz-Werner Kersting: ‚Unruhediskurs'. Zeitgenössische Deutungen der 68er-Bewegung (715-740) Hans-Ulrich Thamer: Sozialismus als Gegenmodell. Theoretische Radikalisierung und Ritualisierung einer Oppositionsbewegung (741-758) Jürgen Zinnecker: Milieuauflösung und Generationenwandel. Zwei Deutungsmuster der Wende in den sechziger Jahren und deren Verknüpfung (759-775) Gabriele Metzler: „Geborgenheit im gesicherten Fortschritt". Das Jahrzehnt von Planbarkeit und Machbarkeit (777-797) Tagungsbericht Christiane Streubel: Dokumentation der zentralen Debatten (801-829)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3132.3252.352.332.34 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Matthias Frese / Julia Paulus / Karl Teppe (Hrsg.): Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Paderborn u. a.: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20996-demokratisierung-und-gesellschaftlicher-aufbruch_24489, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 24489 Rezension drucken
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