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/ 04.06.2013
Hauke Brunkhorst (Hrsg.)

Demokratischer Experimentalismus

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1369); 397 S.; 27,80 DM; ISBN 3-518-28969-1
In den 70er Jahren ist das Verhältnis von Demokratie und Komplexität noch im engen Horizont organisatorischer Reformen diskutiert worden; dabei galten funktionale Kriterien - wie die Effektivität von Entscheidungsverfahren - als unbezweifelbare Anforderungen, die die Realisierbarkeit demokratischer Normen gleichsam von "außen" einschränkten. Von heute aus gesehen gilt diese Problemstellung vielen geradezu als naiv; für diesen Perspektivenwechsel dürften wenigstens drei wichtige Tendenzen verantwortlich sein. So ist die "demokratische Frage" im Hinblick auf ihre jeweiligen kulturellen Implikationen erheblich politisiert worden; die eigensinnige Entwicklung von Funktionssystemen und Kommunikationsmedien wird mittlerweile viel deutlicher gesehen und schließlich erscheinen politisch verbürgte Mitgliedschaftsrechte aufgrund ihrer faktischen Exklusionswirkungen (für Nicht-Mitglieder) als problematisch. Vor dem Hintergrund derartiger systematischer Unsicherheiten hat die dem amerikanischen Pragmatisten John Dewey entlehnte Formel des demokratischen Experimentalismus schon programmatische Züge. Dies nicht nur, weil Dewey selbst die Idee einer radikalen, partizipative wie repräsentative Elemente verknüpfenden Demokratie verfocht, zu deren wesentlicher Voraussetzung die Konzeption einer selbstorganisierten politischen Öffentlichkeit zählt. Das experimentelle Verständnis ergibt sich vielmehr auch ganz zwanglos aus der Überzeugung, Demokratie sei ein offener, auf der institutionell zu sichernden Chancengleichheit der Beteiligten beruhender Lernprozeß. Die Beiträge des Bandes, der auf eine 1996 vom Herausgeber organisierte Konferenz des Kulturwissenschaftlichen Instituts im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen zurückgeht, erproben diesen Gedanken - mehrheitlich ohne direkten Bezug auf Dewey - an drei aktuellen Herausforderungen des demokratischen Projekts (politische Öffentlichkeit und Medien; Chancengleichheit und Verteilungsprobleme; Demokratie und Gerechtigkeit). Inhalt: Hauke Brunkhorst: Demokratischer Experimentalismus (7-12). Aufklärung: Helmut Willke: Soziologische Aufklärung der Demokratietheorie (13-32); Lutz Wingert: Unpathetisches Ideal. Über den Begriff eines bürgerschaftlichen Wir (33-43); Matthias Kettner: John Deweys demokratische Experimentiergemeinschaft (44-66). Medien: Virginia Held: Medienkultur und Demokratie (67-91); Gertrud Koch: Unterhaltung und Autorität. Konstellationen der Massenmedien (92-105); Matthias Vogel: Medien im Experiment der Demokratie (106-143). Gleichheit: Friedrich Kambartel: Wert, ökonomisch betrachtet (144-156); John E. Roemer: Einige Probleme der Demokratie (157-174); Gerd Grözinger: Weltbürgerschaft und Nationalitätslotterie. Zwei Überlegungen zur globalen Verteilung von Reichtum und Bevölkerung (175-200). Rechte: Stefan Gosepath: Das Verhältnis von Demokratie und Menschenrecht (201-240); Thomas Kupka: Demokratie ohne Naturrecht. Eine rechtsphilosophische Entwicklungsskizze in vier Schritten und einem Ausblick (241-278); Cornelia Vismann: Menschenrechte: Instanz des Sprechens - Instrument der Politik (279-304); Felmon John Davis: Rassendiskurs, Gerechtigkeit und Demokratie in den USA. Eine Fallstudie (305-328); Stefan Oeter: Demokratieprinzip und Selbstbestimmungsrecht der Völker. Zwei Seiten der Medaille? (329-360); Matthias Lutz-Bachmann: Souveränitätsprinzip und Demokratie. Überlegungen zur Transformation der Staatenwelt im Anschluß an Kant (361-392).
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.412.25.442.232.22 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Hauke Brunkhorst (Hrsg.): Demokratischer Experimentalismus Frankfurt a. M.: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5667-demokratischer-experimentalismus_7378, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 7378 Rezension drucken
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