/ 31.05.2013
Steffen Harbordt / Dorothea Grieger (Hrsg.)
Demokratie lernen im Alltag? Führung, Konflikte und Demokratie in Ausbildung und Elternhaus
Opladen: Leske + Budrich 1995; 398 S.; kart., 64,- DM; ISBN 3-8100-1394-3Wo erlernen Jugendliche in einer gewerblichen Berufsausbildung demokratische Prinzipien und Verhaltensweisen? Wie können diese Jugendlichen beispielsweise die Fähigkeiten erweitern, im Team zu arbeiten oder Konfliktsituationen zu bewältigen? Diesen Hauptfragen ist eine Forschungsgruppe aus Psychologen, Soziologen und Politikwissenschaftlern mit einer Untersuchung unter 1017 Auszubildenden und 123 Ausbildern in Metall- und Elektroberufen in West-Berlin zwischen 1989 und 1990 nachgegangen: Die Ergebnisse: Eltern und Ausbilder - weniger die Schule - leben das Konfliktverhalten der Jugendlichen maßgeblich vor. Variablen wie "Mitsprache der Lehrlinge", "Vorgesetztenverhalten", "Häufigkeit sozialer Kontakte im Beruf" haben Einfluß auf die Einstellung der Lehrlinge zur politischen Beteiligung und auf ihr politisches Informationsverhalten (352). Die von den Jugendlichen bei Konflikten bevorzugte Kompromißstrategie hängt empirisch negativ mit autoritären, positiv mit demokratischen Einstellungen zusammen (337 ff.).
Demokratische politische Bildung ist Gegenstand und Ziel der Untersuchung zugleich. Zugrunde liegt die These von H. Hamm-Brücher, daß die jüngere Generation zwar aus geborenen Demokraten bestehe, aber nicht aus gelernten. Sind aber einmal demokratische Verhaltensweisen "in Fleisch und Blut übergegangen", "können wir eher wie demokratische Staatsbürger denken, urteilen und handeln" (21). Als demokratische Fähigkeiten des Alltags werden hier zum einen allgemeine "Schlüsselqualifikationen" betrachtet, die insbesondere in der beruflichen Bildung erwünscht sind: Teamfähigkeit, Eigenverantwortung, Kritikfähigkeit, Lernbereitschaft - sie erweisen sich in der Studie als multifunktional für den einzelnen und seine soziale Rolle. Zum anderen sind allerdings auch spezifisch politische Fähigkeiten gemeint, die sich an R. Dahrendorfs Bild des vorbildlichen Demokraten anlehnen: Sinn für soziale Gerechtigkeit, Zivilcourage, Übung im gewaltlosen Konfliktlösen, politische Aufmerksamkeit und Aktivität (29). Die Studie bestätigt letztendlich die Interdependenz von beruflich-sozialer und politischer Sozialisation und betont somit die Bedeutung beruflicher Bildung für die demokratische Gesellschaft.
Inhaltsübersicht: 1. Zusammenhänge zwischen Ausbildung, Erziehung, Konflikt und Demokratie; 2. Empirische Basis und Methoden; 3. Führung und Kommunikation in der Ausbildung; 4. Die Selbstwirksamkeitserwartung jugendlicher Auszubildender; 5. Elterliche Erziehung und Demokratie lernen; 6. Demokratische und autoritäre Einstellungen von Auszubildenden; 7. Soziale Konflikte in der Ausbildung und im Elternhaus; 8. Demokratische Sozialisation und berufliche Bildung von Jugendlichen.
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.23 | 2.22
Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Steffen Harbordt / Dorothea Grieger (Hrsg.): Demokratie lernen im Alltag? Opladen: 1995, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/517-demokratie-lernen-im-alltag_292, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 292
Rezension drucken
M. A., Politikwissenschaftler.
CC-BY-NC-SA