/ 21.06.2013
Bernd Rüthers
Das Ungerechte an der Gerechtigkeit. Fehldeutungen eines Begriffs
Tübingen: Mohr Siebeck 2009; XV, 183 S.; 3., überarb. und erg. Aufl.; brosch., 19,- €; ISBN 978-3-16-149919-7Der Autor sorgt sich um die Demokratie und den Rechtsstaat, wenn die Gerechtigkeitserwartungen der Bürger an den Staat nicht mehr mit ihren Erfahrungen übereinstimmen: „Die verzerrten Vermögens- und Einkommensentwicklungen der letzten Jahre haben das Thema der ‚Gerechtigkeitslücken’ zu einem systemrelevanten, potentiellen Sprengstoff werden lassen“ (VII). Das Vertrauen in Recht und Gerechtigkeit habe weltweit einen Tiefpunkt erreicht, konstatiert Rüthers und mahnt, dass eine Besinnung auf ihre Grundbedingungen nötig sei, solle sie Fundament staatlicher Ordnung bleiben. Die Umgestaltung der Juristenausbildung nach dem Bologna-Modell hält er dafür für ungeeignet. In offenen und freien Gesellschaften gebe es nun einmal einen Wettbewerb grundverschiedener Gerechtigkeitsvorstellungen. Diese seien durch verschiedene geschichtliche, soziale, kulturelle, religiöse und ideologische Erlebniswelten geprägt: „Gerechtigkeit muss daher als ein Begriff gedacht werden […], der nur in der Mehrzahl gedacht werden kann“ (4 f.). Die Konkurrenz der Gerechtigkeitsvorstellungen schlage sich in Gesetzen nieder, die die jeweilige „Systemgerechtigkeit“ (57) abbildeten. Eine solche Systemgerechtigkeit könne immer nur so gut sein wie die Qualität und Funktionsweise des jeweiligen politischen Systems. Rechtliche Unsicherheit durch hochkomplexe Rechtssysteme ist für den Autor eine unvermeidliche Folge hoch differenzierter Gesellschaften: „Geltendes Recht ist heutzutage das – und oft nur das –, was die letzte Instanz sagen wird“ (61). Dazu trete das Problem der Hermeneutik: „Der mächtigste Zwang auf juristische Interpretationen geht vom jeweiligen Zeitgeist aus“ (88). Die unvollkommene Gerechtigkeit liege in der Logik des pluralen Verfassungsstaats. Der demokratische Rechtsstaat könne, so Rüthers Fazit, bestenfalls die faire Suche nach einem Ausgleich verschiedener Gerechtigkeitsvorstellungen organisieren, denn die eine Gerechtigkeit, die sei das Kennzeichen totalitärer Systeme.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.44 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Bernd Rüthers: Das Ungerechte an der Gerechtigkeit. Tübingen: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30951-das-ungerechte-an-der-gerechtigkeit_36786, veröffentlicht am 26.08.2009.
Buch-Nr.: 36786
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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