/ 21.06.2013
Wolfgang Schieder
Faschistische Diktaturen. Studien zu Italien und Deutschland
Göttingen: Wallstein Verlag 2008; 591 S.; geb., 39,- €; ISBN 978-3-8353-0358-4Der Historiker Schieder verbindet 18 Studien über den italienischen und deutschen Faschismus aus den Jahren 1983 bis 2006, ergänzt um zwei bislang unveröffentlichte Arbeiten („Benito Mussolini“; „Duce und Führer. Fotografische Inszenierungen“), zu einem monumentalen Gesamtbild vergleichender Faschismusforschung. In der Einleitung zeigt er, wie die deutsche historische Forschung in Ost und West sich im Streit um den Begriff „Faschismus“ lange Zeit von der internationalen Diskussion abgekoppelt, in den letzten Jahren aber wieder auf sie eingelassen hat. Schieder selbst vertritt einen empirisch vergleichenden, praxeologischen Ansatz. Für den „Italo“- wie für den „Germanofaschismus“ entwirft er ein Drei-Phasen-Modell (Bewegung, politische Durchsetzung, Regimephase). Dabei hebt er den Vorbildcharakter des italienischen „Ursprungsfaschismus“ hervor und geht der Rezeption in Deutschland nach. Hieraus folgt die überzeugende Entscheidung für eine Gliederung „nicht in chronologischer Reihenfolge […], sondern in systematischer Anordnung“ (24). Der erste Abschnitt enthält Texte zum italienischen Ursprungsfaschismus, der im zweiten Teil als „Vorbild“ für Deutschland untersucht wird. Im dritten Teil wird der Nationalsozialismus als deutscher Faschismus interpretiert, während im vierten Abschnitt systematische Vergleiche unternommen werden. Die Untersuchung der Beziehungsgeschichte in historischer Folge ist Schieder ein besonderes Anliegen. Schon vor 1933 sahen viele Italien als „Vorbild in der Krise der Weimarer Republik“. Darunter befanden sich auch Vertreter des Staatsrechts und der politischen Soziologie; Carl Schmitt und Erwin von Beckerath sind eigene Studien gewidmet. Mit dem Band dokumentiert Schieder nicht nur die Potenziale, die die empirische und vergleichende Faschismusforschung heute entfaltet, er zeigt zugleich, dass diese trotz der verbissenen zeitgeschichtlichen Großdebatten der 70er-Jahre auch in der Vergangenheit Fruchtbares geleistet hat.
Gideon Botsch (GB)
Dr., Dipl. Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam (http://www.mmz-potsdam.de).
Rubrizierung: 2.25 | 2.61 | 2.312 | 4.1
Empfohlene Zitierweise: Gideon Botsch, Rezension zu: Wolfgang Schieder: Faschistische Diktaturen. Göttingen: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29742-faschistische-diktaturen_35227, veröffentlicht am 25.11.2008.
Buch-Nr.: 35227
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Dr., Dipl. Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam (http://www.mmz-potsdam.de).
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