/ 12.09.2013
Gabriele Metzler (Hrsg.)
Das Andere denken. Repräsentationen von Migration in Westeuropa und den USA im 20. Jahrhundert
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2013 (Eigene und fremde Welten 29); 331 S.; kart., 34,90 €; ISBN 978-3-593-39900-3Welche Vorstellungen haben Einwanderergesellschaften von den Menschen, die als Migranten kommen, und in welcher Weise werden das Wissen und damit die Organisation sozialer Ordnungen von Wissenschaften, Politik und Medien (re)produziert? Diesen Fragen gehen in dieser Aufsatzsammlung Historiker mit Blick auf verschiedene Phänomene der Migrationsgeschichte in Europa und Nordamerika nach. Imke Sturm‑Martin erörtert die Master Narratives der europäisch‑atlantischen Migrationsgeschichte und stellt fest, dass Migration in den Wissenschaften als Folge politischer Entscheidungen und wirtschaftlicher Zwänge beschrieben wird. Nicht die einzelnen Menschen und ihre individuellen Entscheidungen stehen im Mittelpunkt, sondern die Bewegung von Gruppen im geografischen Raum. Die Unterscheidung von „Wir“ und den „Anderen“ beziehungsweise den „Fremden“ durchzieht – hierin sind sich die Autor_innen des Bandes einig – die Migrationsforschung, die wiederum in Diskursen der Besorgnis und der Abwehr mündet. Neben Arbeitsmigration, Flucht und Vertreibung kennzeichnet auch die postkoloniale Migration die Geschichte der Migration. Diese hat wiederum Einfluss auf Aspekte der Zugehörigkeit, das Selbstbild und die Konzeption von Staatsbürgerschaft, wie beispielhaft Sebastian Berg in seinem Beitrag zeigt, in dem er die Kontroversen um den Multikulturalismus in Großbritannien untersucht. Demnach prägten nach 2001 die Phänomene Britishness auf der einen und sozioökonomische Krisenmomente wie auch Ängste vor den „Fremden“, verstärkt in der Erscheinung „des Islams“ und „islamistischer Terroristen“, auf der anderen Seite die Migrations‑Diskurse. Parallelen in der britischen Vergangenheit des 20. Jahrhunderts zeigen die Beiträge von Reet Tamme, der wissenschaftliche Deutungen der multiethnischen Gesellschaft anhand der race relations‑Forschung untersucht, und von Sebastian Klöß, der die Konstruktion von Wir/die Anderen anhand der Notting Hill‑Karnevale in London nachzeichnet. Klöß betont dabei, dass die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen keineswegs entlang der Hautfarben gezogen wird, sondern vielmehr Binnendifferenzierungen innerhalb der verschiedenen (Einwanderer‑)Communities erkennbar sind.
Oliver Trede (OT)
Dr. phil., Historiker/Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.42 | 2.23 | 2.35 | 2.61 | 2.64 | 2.4 | 2.313 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Oliver Trede, Rezension zu: Gabriele Metzler (Hrsg.): Das Andere denken. Frankfurt a. M./New York: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36167-das-andere-denken_43960, veröffentlicht am 12.09.2013.
Buch-Nr.: 43960
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Dr. phil., Historiker/Politikwissenschaftler.
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