/ 04.06.2013
Marion Gräfin Dönhoff
Zivilisiert den Kapitalismus. Grenzen der Freiheit
Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1997; 223 S.; geb., 36,- DM; ISBN 3-421-05094-5"Die[se, überwiegend in den letzten acht Jahren geschriebenen Beiträge sowie ein Vortrag] zum Thema Ethik gehen alle davon aus, daß in der Industriegesellschaft ein grundlegender Wertewandel stattgefunden hat: weg von den überkommenen Werten wie Pflichterfüllung, Verantwortung tragen, Gemeinsinn üben - hin zu einer individualistischen Orientierung auf Eigennutz, Selbstverwirklichung und hedonistischen Materialismus" (7). Nachdem 1962 Dönhoffs erstes "Erinnerungsbuch" erschien (Klappentext), liegt hiermit eine weitere Publikation dieser Art vor. Zunächst stellt die Autorin die o. g. Probleme dar, analysiert sie und nennt Beispiele. Anknüpfend zeigt sie in zwei Kapiteln Gegenbeispiele auf, die sie an Personen, deren Ideen sowie Taten festmacht. Es handelt sich u. a. um Hans Jonas, Richard von Weizsäcker, Lew Kopelew, Theodor Eschenburg, Helmut Schmidt, die Männer des 20. Juli. Im Abschlußkapitel entwickelt Dönhoff "Zwölf Thesen gegen die Maßlosigkeit" (219-223).
Es wird auf zentrale Mißstände in unserer Gesellschaft hingewiesen, z. B. Geldgier, Gleichgültigkeit gegenüber anderen, Freiheit verstanden als Freiheit auf Kosten anderer. Die Autorin macht es sich z. T. jedoch zu einfach, wenn es beispielsweise heißt: "[L]ängst hätte verhindert werden müssen, daß die 'Verweildauer' auf den Universitäten im Durchschnitt bei vierzehn Semestern liegt, obgleich als Regelstudienzeit zehn Semester festgelegt wurden" (29). Wenn dies bedeuten soll, daß "die" Studenten es ruhig angehen lassen, so ist das eine realitätsferne und ungerechte Unterstellung. Viele Studierende müssen permanent für ihren Lebensunterhalt Geld verdienen und notgedrungen "die Regelstudienzeit" von zehn Semestern überziehen. Damit stehlen sie darüber hinaus niemandem den Studienplatz, denn Studienplätze i. S. von Hörsaal- und Seminarkapazitäten sind für Studierende, die sich aufs Examen vorbereiten, nicht relevant. Manch andere Aussagen sind unverständlich: "Vielleicht brauchen wir eine kleine Katastrophe, um die ausufernden Ansprüche der Menschen wieder auf das herkömmliche Maß zurückzustutzen." (53) Welcher Art denn? In den zwölf Thesen werden die vorherigen Ausführungen zusammengefaßt, es bleibt bei Problemskizzierung und Appellen. Insofern handelt es sich um ein weiteres Buch, das auf Krisen unserer Zeit und unserer Gesellschaft hinweist, aber keine konkreten Lösungsvorschläge anbietet.
Petra Beckmann-Schulz (Bm)
Dr., Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.22 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Petra Beckmann-Schulz, Rezension zu: Marion Gräfin Dönhoff: Zivilisiert den Kapitalismus. Stuttgart: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4331-zivilisiert-den-kapitalismus_6100, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 6100
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Dr., Politikwissenschaftlerin.
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