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/ 05.06.2013
Christian Schmidt

"Wir sind die Wahnsinnigen ..." Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang

München/Düsseldorf: Econ 1998; 319 S.; geb., 39,80 DM; ISBN 3-430-18006-6
Betrachtet man einzig die Zielsetzung der Studie, so könnte sie einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Strategien politischen Machterwerbs bei den Grünen darstellen, indem der Wandel politischer Einstellungen gepaart mit personellen Kontinuitäten aufgezeigt wird. Doch hat sich Schmidt für einen anderen Weg entschieden und beginnt mit einem Selbstbekenntnis. "Zugegeben: Mir sind Joschka Fischer und seine politischen Freunde nicht gerade sympathisch. Das wird man bei der Lektüre des Buches feststellen." (9) Entsprechend wird Fischer im folgenden konsequent beim Vornamen genannt oder als Herr Fischer bezeichnet und von dessen Umfeld als "Fischer-Gang" gesprochen. Jenseits solcher stilistischer Mängel offenbart die zitatreiche Studie (ohne Quellennachweise) zahlreiche Details aus Fischers politischem Werdegang. Überschrieben etwa mit "Comandante Joschka Fischer" (59) oder "Macht kaputt, was bei der Macht nicht mitmacht!" (141), steht in der ersten Hälfte des Bandes Fischers politisches Handeln in der Frankfurter Szene zwischen 1968 bis 1981 in der Kritik. Zentrale Bezugsgröße und Quelle für diesen Abschnitt ist die Zeitschrift PflasterStrand, zu deren Umfeld Fischer und seine politischen Mitstreiter gerechnet werden können. Im Anschluß wird dessen politischer Wandlungsprozeß im Zusammenhang mit der Gründung der Grünen, ihrem Ersteinzug in den Bundestag und der Übernahme des Amtes des hessischen Umweltministers kritisch kommentiert. "Aus jammernden, resignierten Gestalten waren [in nur zwei Jahren] beinharte realpolitische Profis, und aus einer Gefolgschaft von widerspenstigen Systemgegnern war ein braves Parteivolk geworden." (194) Nach 250 Seiten Lektüre kann es wenig verwundern, wenn abschließend das Handeln Fischers und der Grünen im Bundestagswahlkampf 1998 beim Autor auf mehr Ironie denn auf Gegenliebe stößt. "Wie werden wir im Fernsehsessel vor Begeisterung prusten, wenn wir Joschka Fischer beim Abschreiten einer militärischen Formation beobachten können." (313) Viel Spaß.
Christoph Emminghaus (cem)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3312.3 Empfohlene Zitierweise: Christoph Emminghaus, Rezension zu: Christian Schmidt: "Wir sind die Wahnsinnigen ..." München/Düsseldorf: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6617-wir-sind-die-wahnsinnigen-_8941, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 8941 Rezension drucken
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