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/ 04.06.2013
Klaus von Dohnanyi / Jens Reich / Richard Schröder / Hagen Schulze

Was hält unser Land zusammen? Dokumentation der fünften Jahrestagung der Deutschen Nationalstiftung und der Verleihung des ersten Nationalpreises der Deutschen Nationalstiftung durch den Bundespräsidenten Roman Herzog am 17. April 1997 im Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Stuttgart: Verlag Günther Neske 1997; 155 S.; brosch., 18,- DM; ISBN 3-7885-0522-2
Der "Nationalpreis" wurde an die Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche in Dresden verliehen. In der ersten Rede würdigt Schulze in Hinblick auf die Erfahrungen aus der Geschichte die Stabilität der bundesdeutschen Demokratie und "die Selbstverständlichkeit, mit der die Deutschen die nordatlantische Kultur bis in ihre letzten und trivialsten Aspekte sich zu eigen gemacht haben" (30). Dohnanyi verwirft die Identitätsmodelle des Verfassungspatriotismus und der Kulturnation und betont die sozialstaatliche Zusammengehörigkeit als stärkstes identitätsbildendes Element der Deutschen (66 ff.; vgl. Dohnanyi in diesem Heft: 194 f). Angesichts der Schwierigkeiten beim Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland spricht sich Schröder für das Festhalten an der Nation als notwendiger "Wir-Identität" aus. Verbindende Elemente seien Sprache, Geschichte und der Wille zur gemeinsamen Zukunft. Der Autor differenziert den Nationbegriff vom wertebesetzten Verfassungsstaat. Dieser könne nicht identitätsbildend sein. Man könne doch nicht auf die Frage "Was sind wir?" antworten: "Ein Staat!" (42). Es reiche nicht aus, sich nur als eine Gesellschaft zu verstehen. Die Perspektive der Gesellschaft impliziere "die Gefahr einer mechanistischen, technizistischen Außenperspektive eines Gesellschaftsingenieurs auf das menschliche Zusammenleben" (42). Mit einer nationalen "Wir-Identität" dagegen könnten die Einigungslasten bewältigt und die "Ich-Identität" überwunden werden. Am Schluß seines Aufsatzes formuliert Schröder die Aufgabe, daß das "Wir" kein geschlossenes "Wir" wird, das sich gegen Fremde richte (49). Genau dies wird jedoch meines Erachtens mit seinem Verständnis von Nation erst ermöglicht, da Schröders Nationgefühl nicht wertegebunden ist. Eine inhaltslose "Wir-Identität" – und dies sollte doch gerade eine Lehre aus der Geschichte sein – kann je nach politischer Lage mit verschiedensten Inhalten gefüllt und demagogisch ausgenutzt werden. Das haben nicht zuletzt die gewaltsamen Anschläge auf in Deutschland lebende Ausländer gezeigt. Sie fanden in einem Klima statt, in dem das unbestimmte nationale "Wir-Gefühl" nicht zuletzt durch die öffentlichen Aussagen nationalkonservativer Politiker zu einem "Wir-gegen-die-anderen-Gefühl" mutiert ist. Inhalt: Hagen Schulze: Was unser Land zusammenhält (11-31); Richard Schröder: Nation, Staat oder Gesellschaft? (33-50); Klaus von Dohnanyi: Vom Nationalstaat zum kulturorientierten Sozialstaat (51-72); Diskussion (73-107); Verleihung des ersten Nationalpreises der deutschen Nationalstiftung am 14. April 1997 (109-123); Gründungsaufruf, Aufgaben und Satzung der Deutschen Nationalstiftung (127-155).
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.352.3 Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Klaus von Dohnanyi / Jens Reich / Richard Schröder / Hagen Schulze: Was hält unser Land zusammen? Stuttgart: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3928-was-haelt-unser-land-zusammen_5590, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 5590 Rezension drucken
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