/ 22.06.2013
Katriina Lehto-Bleckert
Ulrike Meinhof 1934-1976. Ihr Weg zur Terroristin
Marburg: Tectum Verlag 2010 (Geschichtswissenschaft 12); 714 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-8288-2538-3Diss. Tampere; Gutachter: M. Hyrkkänen. – Zu kaum einem anderen Thema der jüngeren deutschen Zeitgeschichte sind mehr Publikationen erschienen als zur Entstehung und Entwicklung der RAF. Auffallend ist ferner, dass nahezu alle bis heute als wegweisend empfundenen Schriften von Verwandten oder Weggefährten der RAF-Protagonistinnen und Protagonisten, mindestens aber von aktiv involvierten Zeitzeugen stammen. Die Biografie von Lehto-Bleckert setzt sich hiervon durch ihre Außensicht und die exakte Aufarbeitung der bisherigen Literatur, alter sowie neu erschlossener Quellen ab. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist die Frage, „wie es dazu kommen konnte, dass sich eine so unnachgiebige Verteidigerin von Gerechtigkeit und Legalität mit jemanden […] wie Baader ‚zusammengetan’ hat, und welche Entwicklungen und Entscheidungen […] ursächlich dafür waren, dass sie am Ende ihres politischen Wirkens eine Terroristin geworden ist“ (21). Im Verlauf ihrer Studie stellt Lehto-Bleckert hierzu verschiedene Thesen infrage und entwickelt eigene Argumentationslinien. So beschreibt sie die Kindheit Meinhofs trotz des frühen Todes beider Eltern als weitgehend glücklich und geborgen, sie erkennt eine durchgehende Sozialisation in der Tradition des deutschen Bildungsbürgertums. Ferner lasse sich bis zur Baader-Befreiung kein „schleichender Prozess hin zur Akzeptanz gewalttätiger Mittel“ (420) ausmachen. Meinhofs Tätigkeit als Chefredakteurin, Leitartiklerin und Kolumnistin sei durchweg vom Kredo der Legalität durchdrungen und ein Zeugnis ihrer eigenständigen politischen Entwicklung gewesen. Die bisherigen biografischen Auseinandersetzungen zeugten durchweg von einer männlich dominierten Sichtweise, so die Kritik Lehto-Bleckerts, die Meinhof entweder zur Alleinverursacherin oder zu einer fremdbestimmten Person abstempelten. Unter Berücksichtigung und in Zusammenführung gesellschaftlicher Umstände, konkreter Akteurskonstellationen und individueller Entwicklungen gelingt der Autorin eine überzeugende, gegen monokausale Erklärungsmuster angehende Aufarbeitung eines von mehreren Brüchen, aber insbesondere zahlreichen Kontinuitäten geprägten Lebens einer wirkungsmächtigen Frau.
Thorsten Schumacher (THS)
M. A. (Politikwissenschaft, Philosophie, Öffentliches Recht), Referent im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur.
Rubrizierung: 2.37 | 2.3 Empfohlene Zitierweise: Thorsten Schumacher, Rezension zu: Katriina Lehto-Bleckert: Ulrike Meinhof 1934-1976. Marburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33880-ulrike-meinhof-1934-1976_40598, veröffentlicht am 16.06.2011. Buch-Nr.: 40598 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenM. A. (Politikwissenschaft, Philosophie, Öffentliches Recht), Referent im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur.
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