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/ 05.06.2013
Joachim Müller

Täterprofile. Hintergründe rechtsextremistisch motivierter Gewalt. Mit einem Geleitwort von Wilhelm Heitmeyer

Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 1997 (DUV: Sozialwissenschaft); X, 262 S.; brosch., 56,- DM; ISBN 3-8244-4220-5
Diss. Bielefeld. - Zu den profiliertesten Erklärungsansätzen der Ausbreitung von (rechtsextremistischer) Gewalt zählt gewiß das Deutungskonzept, das mit dem Namen des Bielefelder Soziologen Heitmeyer und seiner Forschungsgruppe verbunden ist. In dieser Perspektive ist es in erster Linie der durch die kapitalistische Modernisierung hervorgerufene Zerfall sozialer Bindungen in der "Mitte" der Gesellschaft, der zur Entstehung "menschenfeindlicher" Gewalt beiträgt. Dieses sogenannte "Desintegrationstheorem" als theoretischen Hintergrund nutzend (5 ff.), will Müller unter Verwendung von drei unterschiedlichen empirischen Bezügen einen Beitrag zur politischen Sozialisationsforschung leisten. Als thematischer Einstieg dient die Sekundärauswertung einer umfangreichen (Bielefelder) Jugenduntersuchung (31 ff.), dem schließt sich die quantitative Auswertung der Anklage- und Urteilsschriften von 172 Fällen fremdenfeindlicher Gewalt an (43 ff.). Im Zentrum seines Interesses steht indes eine - auf qualitativen Interviews beruhende - Rekonstruktion der biographischen Erfahrungen, identitätsrelevanten Persönlichkeitsaspekte und subjektiven Sichtweisen von 45 jungerwachsenen (verurteilten) Gewalttätern (49 ff.). Empirische Basis und Methodenwahl zeigen schon, daß der Autor nicht verallgemeinerungsfähige Aussagen anstrebt, sondern die fallspezifische Darstellung komplexer Muster von Gewaltursachen, gewaltförmiger Situationsverläufe und Sanktionsverarbeitungen. Gleichwohl bietet die Studie auch vorsichtige Ansätze einer Systematisierung der Befunde, das gilt einerseits für eine typologische Unterscheidung von Tätern (relativ zum Tat-Kontext 121 ff.), andererseits mit Blick auf die drei Faktoren: Familiensituation, politische Orientierungen und Bedeutung strafrechtlicher Sanktionen (192 ff.). Aus dem Inhalt: I. Der theoretische Hintergrund: 1. Zur verwendeten Terminologie von Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt; 2. Das sozialisationstheoretische Konzept: 2.1 Die sozial-strukturelle Perspektive; 2.2 Die interaktive Perspektive; 2.3 Die individuelle Perspektive. II. Untersuchungsgegenstand und zentrale Fragestellungen; III. Grundlage der Untersuchungsergebnisse und Methodik: 1. Datenauswertung einer repräsentativen Jugenduntersuchung in Ost- und Westdeutschland; 2. Auswertung von Anklage- und Urteilsschriften; 3. Qualitative Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die rechtsextremistisch motivierte Gewalt ausgeübt haben. IV. Der empirische Hintergrund: Vergleichende Datenauswertung einer repräsentativen Jugenduntersuchung in Ost- und Westdeutschland: Machiavellistische Einstellungen; Autoritaristische Einstellungen; Normalität von Gewalt; Fremdenfeindliche Gewalt. V. Die empirische Annäherung: Quantitative Auswertung von Anklage- und Urteilsschriften und Interviews: 1. Alter der Täter; 2. Formale Familiensituation; 3. Formale Bildungsqualifikation; 4. Status zum Zeitpunkt der Tat. VI. Die empirische Focussierung: Darstellung der Ergebnisse der qualitativen Interviews: 1. Kurzvorstellung der befragten Personen; 2. Unterscheidung der befragten Personen nach Verhaltenspräferenzen im Tat-Kontext; 3. Aspekte der Persönlichkeit: 3.1 Selbstkonzept; 3.2 Alltagsweltliche Moral- und Normorientierungen; 3.3 Identitätsprofile der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. 4. Einzeldarstellungen: Fallbeispiele jugendlicher Straftäter anhand der Unterscheidung nach Verhaltenspräferenzen im Tat-Kontext: 4.1 Der "Überzeugte": Das Beispiel Hermann; 4.2 Der "Mitläufer": Das Beispiel Ewald; 4.3 Der "Cliquenzentrierte": Das Beispiel Jakob; 4.4 Der "Aggressive": Das Beispiel Tobias; 4.5 Der "Deviante": Das Beispiel Harry. 5. Querauswertung der Interviews zu zentralen Fragekomplexen: 5.1 Familialer Hintergrund/Familienbeziehungen; 5.2 Politische Orientierungen; 5.3 Straftaten/Strafe.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.352.37 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Joachim Müller: Täterprofile. Wiesbaden: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7686-taeterprofile_10196, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10196 Rezension drucken
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