/ 03.06.2013
Manuel Fröhlich
Sprache als Instrument politischer Führung. Helmut Kohls Berichte zur Lage der Nation im geteilten Deutschland
München: Forschungsgruppe Deutschland am Centrum für angewandte Politikforschung 1997 (Schriftenreihe der Forschungsgruppe Deutschland 8); 252, XV S.; kart., 29,80 DM; ISBN 3-9804711-9-5Die Arbeit ist im Rahmen der Forschungsarbeiten zu deutschlandpolitischen Grundsatzfragen des Centrums für angewandte Politikforschung der Universität München unter Leitung von Werner Weidenfeld entstanden. Analysiert werden die jährlichen "Berichte zur Lage der Nation im geteilten Deutschland" des Bundeskanzlers Kohl sowie die Passagen der Regierungserklärungen, die die Deutschlandpolitik betreffen. Als Zeitraum wurde die Phase zwischen 1983, Kohls Amtsübernahme, und 1989, der Wiederherstellung der deutschen Einheit, gewählt. Der Autor untersucht dabei sowohl die funktionelle als auch die konzeptionelle Dimension der Berichte. Erstere bezieht sich auf die Frage, welche Funktionen die Berichte für das Regierungshandeln der Regierung Kohl wahrnehmen und die zweite auf die deutschlandpolitische Konzeption in dieser Zeit, so wie sie sich als "Substrat der Aussagen in den Berichten darstellt" (14). Die Dokumente werden mittels eines qualitativen und quantitativen Verfahrens der Textanalyse im Zeitverlauf untersucht.
Bezüglich der funktionellen Dimension kommt Fröhlich zu dem Ergebnis, daß die Berichte nicht nur die Funktionen von Regierungserklärungen erfüllten, sondern zusätzlich neue Aspekte aufwiesen, wie z. B. die Tatsache, daß sie als indirektes Kommunikationsmittel zwischen Bundesregierung und DDR-Führung dienten. Die wichtigste Funktion der Berichte ist die "eines Führungsinstrumentes des Bundeskanzlers. Sie geben ihm die Möglichkeit, Politik zu deuten, Initiativen zu ergreifen, Testballons zu starten, Kritik an Opposition, innenpolitischen Gruppen oder Regierungen zu üben[, ...] Sprachsetzungen zu betreiben, die eigene Position zu umschreiben und als unangreifbar darzustellen." (215) Nicht nur das was ausgesprochen, sondern auch das was verschwiegen wurde war von großer Bedeutung, weshalb sich die Berichte auch hierin als "hochpolitisches Führungsinstrument" (216) des Kanzlers erwiesen. Zur konzeptionellen Dimension stellt der Autor fest, daß in den untersuchten Berichten das Element der deutschlandpolitischen Kontinuität überwog, aber auch Neuakzentuierungen zu verzeichnen waren. Die Möglichkeit, gewisse Entwicklungen auszublenden verweist darüber hinaus auf den "Unterschied zwischen der offiziellen deutschlandpolitischen Konzeption nach den Berichten und der wirklichen operativen Gestaltung der Deutschlandpolitik" (227).
Inhaltsübersicht: 2. Funktionelle Dimension: Die Stellung der "Berichte zur Lage der Nation im geteilten Deutschland" im parlamentarischen Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland: 2.1. Allgemeine Funktionen von Regierungserklärungen; 2.2. Historischer Ursprung und Intention der Berichte; 2.3. Regierungsinterner Entstehungsprozeß der Berichte. 3. Konzeptionelle Dimension: Die "Berichte zur Lage der Nation im geteilten Deutschland" als Spiegel der deutschlandpolitischen Konzeption der Bundesregierung Kohl: 3.1. Konstruktionsprinzipien und Themenfolge der Berichte; 3.2. Analyse der inhaltlichen Schwerpunkte. 4. Zusammenfassung: 4.1. Funktionelle Dimension: Die Berichte als Führungsinstrument des Bundeskanzlers; 4.2. Konzeptionelle Dimension: Die Berichte als konzeptionelles Substrat und sprachlicher Seismograph der Deutschlandpolitik.
Sabine Steppat (Ste)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.35 | 2.322 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Manuel Fröhlich: Sprache als Instrument politischer Führung. München: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2847-sprache-als-instrument-politischer-fuehrung_3752, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 3752
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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