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/ 12.06.2013
Harald Welzer

Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand

Frankfurt a. M.: S. Fischer 2013; 329 S.; 19,99 €; ISBN 978-3-10-089435-9
Umweltzerstörung und Konsumwahnsinn – Bücher zu solchen Themen machen zumeist schlechte Laune. Bei Harald Welzer ist das anders: Der Sozialpsychologe hat die Wissenschaft hinter sich gelassen und will praktisch handeln. Zugleich schätzt er die Macht des Erzählens. Und erzählen kann er – vom technikzentrierten Fortschrittsglauben seiner Kindheit, von utopischen und dystopischen Szenarien der Zukunft oder Menschen und Unternehmen der Gegenwart, die Alternativen zum Status quo gefunden haben. Das Buch ist in kurze Episoden gegliedert, besteht aber eigentlich aus zwei Teilen. Im ersten Teil beschreibt Welzer mit viel Leidenschaft den sogenannten Expansionismus, also unsere Art zu leben und zu wirtschaften, die immer mehr Wachstum mit immer mehr Umweltzerstörung verbindet, sodass letztlich unsere Existenz in Gefahr gerät. Im zweiten Teil beschreibt er, was dagegen getan werden kann. Seine zentrale These lautet: Jeder Einzelne ist das Problem, deshalb kann auch jeder Einzelne etwas tun. Die handlungsleitende Frage für verantwortliches Leben in einer „reduktiven Moderne“ (130) sei das Futur II: „Wer werde ich gewesen sein?“ (133) Für gesellschaftlichen Wandel sei nie die Mehrheit erforderlich, sondern eine entschlossene Avantgarde von maximal fünf Prozent der Bevölkerung. Welzer fordert – nie moralisierend, oft unterhaltsam – Verzicht, Besinnung auf das Wichtige und Stärkung lokaler sozialer Strukturen. Grünes Wachstum hält er für ebenso sinnlos wie moralisch bewussten Konsum, denn am Ressourcenverbrauch ändere sich dadurch kaum etwas. Selten ist ein Verhaltenswandel so radikal und zugleich so unterhaltsam und bissig formuliert gefordert worden. Welzers Buch hat aber auch zwei Schwächen: In seiner insgesamt sehr scharfsinnigen Analyse schweift der Autor mitunter ab oder vermengt Themen, die auch mittelbar nicht mehr allzu viel miteinander zu tun haben. Und gegenüber dem starken ersten Teil fällt der zweite Teil argumentativ ab. Zwar überzeugt Welzers These, dass der Verzicht und „praktiziertes Nichteinverstandensein“ (287) sogar attraktiv sein kann, weil es in einer Kultur des „Alles immer“ keine Wünsche, Träume und Erzählungen von sich selbst mehr gibt. Aber ob sich von seinen Ideen tatsächlich genügend Menschen anstecken lassen? Im Gegensatz zur 5‑Prozent‑Avantgarde schreibt Welzer eben auch: „Eine soziale Bewegung wird erst erfolgreich, wenn sie Personen aus allen gesellschaftlichen Gruppen einbezieht“ (98). Die angeführten Beispiele im zweiten Teil (unter anderem Bionade, GLS‑Ökobank oder die Webseite „Murks? Nein danke!“) sind interessant, räumen den Zweifel am Gelingen einer so umfassenden geistigen Wende aber nicht aus. Dennoch lässt sich über dieses Buch wenig anderes urteilen als: Jeder Mensch sollte es gelesen haben.
Dirk Burmester (DB)
Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Angestellter der Freien und Hansestadt Hamburg.
Rubrizierung: 2.22.3 Empfohlene Zitierweise: Dirk Burmester, Rezension zu: Harald Welzer: Selbst denken. Frankfurt a. M.: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14540-selbst-denken_43519, veröffentlicht am 11.04.2013. Buch-Nr.: 43519 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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