/ 05.06.2013
Claudia Mast
Programmpolitik zwischen Markt und Moral. Entscheidungsprozesse über Gewalt im Deutschen Fernsehen. Eine explorative Studie
Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1999; 392 S.; brosch.79,- DM; ISBN 3-531-13346-2Intuitiv scheint der Zusammenhang zwischen Gewaltdarstellungen in TV-Medien und der - wie viele meinen zunehmenden - Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft offenkundig zu sein: die Flut der Gewaltbilder hinterlasse ihre unübersehbaren Spuren in Verhalten und Einstellungen der Mediennutzer. Allerdings ist es der Medienwirkungsforschung bisher nicht gelungen, Effekte medialer Gewaltdarstellung eindeutig zu benennen, geschweige denn, sie dem Medium ursächlich zuzuschreiben. Diese - gemessen am Forschungsaufwand - unbefriedigenden Auskünfte der Medienforschung beruhen gewiß auch auf der dominierenden Output-Orientierung der Analysen und den dabei verwendeten, oftmals zu schlichten "Sender/Empfänger-Modellen", mit denen Daten der Mediennutzung interpretiert werden. Die Studie - eine Auftragsforschung für das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst aus dem Jahre 1997 - sucht dagegen den Zugang zum Thema über eine breite Analyse der Input-Mechanismen, die "Entstehung, Vermittlung und Verstärkung von Gewaltpotentialen in den Massenmedien" beeinflussen (25). Basis der Studie sind 55 Experteninterviews mit professionellen Akteuren der Medienwirtschaft; als Material dienen Programmangebote fiktionaler und non-fiktionaler Art von 9 ausgewählten deutschen Fernsehgesellschaften. Konzeptionell konzentriert sich die Studie auf eine Erhebung programmrelevanter Entscheidungsprozesse in Abhängigkeit von 4 funktionalen Bezugspunkten (Markt, Medienrecht, Medienpublikum, Organisationsstrukturen der Rundfunkunternehmen).
Aus dem Inhalt: Anlage der Untersuchung: 1. Ziel und Fragestellung der Studie; 1.1 "Verantwortungsbereich" Markt; 1.2 "Verantwortungsbereich" Medienrecht; 1.3 "Verantwortungsbereich" Publikum; 1.4 "Verantwortungsbereich" Rundfunkunternehmen; 2. Zum Gewaltbegriff; 3. Untersuchungsdesign und Methoden. Theoretische Annahmen und empirische Befunde: 1. Gewalt im Fernsehen als Thema der Politik; 2. Sozialpsychologische Erklärungen aggressiven Verhaltens; 3. Erkenntnisse aus Marketing-Ansätzen; 4. Entscheidungsprozesse in Rundfunkunternehmen. Verantwortungsbereich Markt: Zum Wandel des internationalen Marktes für Film- und Fernsehprogramme: 1. Planung und Entwicklung von Film- und Fernsehprogrammen; 2. Produktionsbedingungen auf dem internationalen Markt; 3. Verwertung internationaler Film- und Fernsehprogramme; 4. Marktungleichgewicht als Herausforderung für Programmanbieter. Vorgaben und Kontrollinstanzen im Verantwortungsbereich Medienrecht: 1. Verfassungsrechtliche Vorgaben; 2. Bundesgesetzlicher Rahmen; 3. Landesgesetzlicher Rahmen; 4. Verfahrensvorgaben; 5. Europa kommt; 6. Spezialfall Deutschland auf dem Weg nach Europa. Verantwortungsbereich Medienpublikum: Zur Präferenz und Toleranz von Gewaltdarstellungen: 1. Rolle der Publikumsforschung für Fernsehprogramme; 2. Ergebnisse der Rezeptionsforschung; 3. Rolle der Medienforschung in den Rundfunkunternehmen; 4. Medienforschung als Marktforschung. Verantwortungsbereich Rundfunkunternehmen: Entscheidungsprozesse bei fiktionalen Programmen: 1. Zum Modell des Entscheidungsprozesses; 2. Unterschiedliche Zielsysteme der Fernsehunternehmen; 3. Entwicklung des deutschen Fernsehmarktes; 4. Auf der Suche nach Alternativen; 5. Rolle der Drehbuchautoren; 6. Bewertung der Handlungsoptionen und Entscheidungsprozesse; 7. Kauf- und Produktionsaktivitäten der Rundfunkunternehmen; 8. Kontrollpraxis in den Rundfunkunternehmen; 9. Programmpolitik - risikoreich und komplex. Verantwortungsbereich Journalismus: Redaktionelle Entscheidungsprozesse in Nachrichtensendungen: 1. Theoretische Ansätze zur Auswahl von Nachrichten; 2. Situationsanalyse des Informationssektors im Fernsehen; 3. Gewaltprofil des Fernsehprogramms; 4. Ergebnisse der Umfrage unter Nachrichtenredakteuren und -moderatoren. Gewaltdarstellungen in Grenzen - Einflußfaktoren mit nachhaltiger Wirkung: 1. Recht und Praxis: Prüfprozesse in den Kontrollinstanzen; 2. Gewalt als Programmumfeld - auf Wunsch der Werbung?; 3. Einflußfaktor Image.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.333 | 2.37
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Claudia Mast: Programmpolitik zwischen Markt und Moral. Opladen/Wiesbaden: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8268-programmpolitik-zwischen-markt-und-moral_10899, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10899
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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