/ 04.06.2013
Sibylle Reinhardt / Dagmar Richter / Klaus-Jürgen Scherer
Politik und Biographie
Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag 1996 (Reihe Politik und Bildung 8); 112 S.; 24,80 DM; ISBN 3-87920-611-2Wer sich von diesem Band Informationen und didaktische Anregungen zu Rolle und Bedeutung des Faktors "Persönlichkeit" oder ausgewählter Politiker bzw. politischer Eliten im politischen Prozeß erhofft, sieht sich enttäuscht. Ein erläuternder Untertitel hätte deutlich machen können, daß es bei diesem Heft um eine deskriptive Annäherung an die politischen Einstellungen, Überzeugungen und Handlungsoptionen der heutigen Jugendgeneration geht. Anhand der Erfahrungsfelder Schule, Universität und parteinahe politische Bildungsarbeit beschreiben die Autorinnen und der Autor zunächst eigene Erlebnisse mit einer auf den ersten Blick "oberflächlichen" und "unpolitischen" Jugendgeneration (die "Post89er" Westdeutschlands; zum Begriffsraster Scherer: 83-84). Ziel der Beiträge ist es, durch nähere Untersuchung (so Richter) bzw. eine reflektierende, sozialwissenschaftlich angeleitete Einordnung des eigenen Erlebens neue Ansatzpunkte für die politische Bildungsarbeit zu finden. Alle Beiträge kommen zu der Einsicht, daß der hohe Individualisierungsgrad und die damit stark fragmentierten Lebenszusammenhänge heutiger Jugendlicher ein verändertes Politikverständnis hervorbringen, das sich fundamental von dem der "68er" und "Post68er", d. h. dem der heute Lehrenden und damit der Autorinnen bzw. des Autors unterscheidet. Eine grundsätzliche Zustimmung zur demokratischen Ordnung der Bundesrepublik ist zwar in der Jugend verbreitet (69), aber parlamentarisch-institutionelle Spielregeln und Prozesse, parteipolitische Orientierungen sowie das Denken in politischen Ordnungsentwürfen und Idealen sind ihnen fast gänzlich fremd. Für die "Post89er" ereignet sich Politik in erster Linie in ihrem Lebensumfeld - eben dort, wo sie "'konkret etwas machen können'". Ihre "Deutungsmuster stammen [dementsprechend] aus einem privaten, familialen bzw. häuslichen Bereich", und hier ist Bereitschaft zum punktuellen politischen Engagement vorhanden, vorausgesetzt, es macht zugleich Spaß (70-72 und 88-93). Längere Auszüge aus qualitativen Interviews mit Studierenden der Universität Oldenburg illustrieren und unterstreichen diese Feststellungen. Obschon die "Post68er" keinen Zweifel daran lassen, daß sie selbst den "Bruch mit dem einstigen gesamtgesellschaftlichen Anspruch, mit 'linker' emanzipatorischer Politisierung" (93) bedauern, enden ihre Überlegungen gerade nicht in einer Generationenschelte. Ihre Lösungsvorschläge erneuerter politischer Bildung und (Partei-)Politik unter Jugendlichen setzten ausdrücklich an bei deren Selbstverständnis und Alltagshandeln - der Politik der "kleine[n] Dinge" (73-74) - sowie bei deren Interesse an Kommunikation in informellen Netzwerken (105-108: Zukunftswerkstätten als Methode sozialdemokratischer Parteiarbeit). Anzumerken bleibt zweierlei: Ähnliche Problemskizzen und Lösungskonzepte sind aus der fachdidaktischen Diskussion anderer Disziplinen wie der Geschichte, Theologie oder Soziologie bekannt. Außerdem sind aus politikwissenschaftlicher Perspektive Rückfragen an Scherers Lösungsansatz zu stellen: Er vertritt das Konzept, die gesellschaftspolitische Leerstelle der niedergegangenen "Weltanschauungs-Großmilieus" durch kurzzeitige "gesellschaftliche Koalitionen" auszufüllen, die "politische Unterstützung /index.php?option=com_content&view=article&id=41317spezifisch durch gesellschaftsnahe Kommunikation von Fall zu Fall organisieren" (108). Dieser Ansatz ist kurzfristig anscheinend erfolgreich, fraglich bleibt aber, ob er mittelfristig für die Parteien wie die Gesellschaft ausreicht, um die notwendige politische Stabilität und Legitimation der bundesdeutschen Demokratie hervorzubringen bzw. zu gewährleisten.
Antonius Liedhegener (Li)
Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
Rubrizierung: 2.35 | 2.333
Empfohlene Zitierweise: Antonius Liedhegener, Rezension zu: Sibylle Reinhardt / Dagmar Richter / Klaus-Jürgen Scherer: Politik und Biographie Schwalbach/Ts.: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3961-politik-und-biographie_5631, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 5631
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Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
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