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/ 04.06.2013
Mark Achbar (Hrsg.)

Noam Chomsky - Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung. Medien, Demokratie und die Fabrikation von Konsens. Aus dem Englischen von Helmut Richter

München: Marino Verlag 1996; 239 S.; 39,- DM; ISBN 3-927527-72-6
Die vorliegende Publikation ist Text- und Materialband zur Produktion des Dokumentarfilms "Manufacturing Consent" (fertiggestellt 1993) über den US-amerikanischen Sprach- und Kommunikationsforscher Chomsky, genauer: über dessen öffentliches Engagement als prominenter und profilierter Kritiker des zeitgenössischen Medienbetriebs in seiner Funktion für die "freiheitlich-pluralistischen Demokratien" westlicher Prägung. Der Titel des Films basiert auf dem eines Buches, das Chomsky gemeinsam mit Edward Herman verfaßte, "weil überall im Land, ja überall auf der Welt viele, viele Menschen sich jeden Tag damit abmühen sich weiterzubilden, sich zu engagieren, Basisstrukturen aufzubauen. [...] Sie brauchen aber eine Stimme, die für sie spricht." (9) Die Gliederung des Bandes in die beiden Teile "Denkverbote in der demokratischen Gesellschaft" und "Ermutigung zum Andersdenken" folgt dabei nicht der Chronologie des Films, sondern versucht, unter diesen beiden Aspekten einen Querschnitt aus dem im Film verarbeiteten Bild- und Textmaterial zu bieten. Ausgewertet wurden vor allem Chomskys öffentliche Auftritte im Rahmen von Podiumsdiskussionen, Fernsehdebatten und Talkshows. Auszüge aus den Skripten dieser medialen Stellungnahmen einschließlich der Reaktionen und Gegenreden von Gesprächspartnern und Kritikern werden um Auszüge aus den Buch- und Aufsatzveröffentlichungen Chomskys seit 1966 ergänzt, die im thematischen Zusammenhang mit den Auftritten standen bzw. diese zum Teil angeregt hatten. Dabei orientiert sich der Band thematisch an herausragenden Fallbeispielen, um Methode, Richtung und Reichweite der Chomskyschen Medienkritik nachzuvollziehen: so die von ihm angeregte vergleichende Fallstudie zur Berichterstattung über den Staatsterror in Kambodscha sowie in Ost-Timor im Jahr 1975, die erstmals weltweites Aufsehen erregte, seine Kritik der tendenziösen Berichterstattung und Kommentierung der politischen Ereignisse in Mittelamerika (Panama, Nicaragua, El Salvador) in den frühen achtziger Jahren, schließlich seine Analyse der Rolle der Medien in den USA am Beispiel der Kriegsberichterstattung über den Golfkrieg 1990/91. So entsteht das Profil einer kontinuierlich weiterentwickelten intellektuellen Stellungnahme zur medialen Vermittlung von Wirklichkeit, der "Fabrikation von Konsens", die notwendigerweise ihrerseits wiederum in den Medien vorgestellt und dabei den geltenden Normen und Gepflogenheiten entsprechend verändert, das heißt verstümmelt, verkürzt, verzerrt und mitunter zensiert wird. Die Reflexion der Berichterstattung über gesellschaftliche und politische Verhältnisse als dem "aktuellen Bild der Welt" gerät dabei zur doppelten Selbstreflexion, indem Chomsky zunächst die absehbare Unvollständigkeit des eigenen Weltbildes trotz vermeintlich umfassender Information analysiert, um diese Analyse dann auf dem Forum der zuvor kritisierten Medien seinerseits der Diskussion und Kritik auszusetzen.
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.22 Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Mark Achbar (Hrsg.): Noam Chomsky - Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung. München: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3605-noam-chomsky---wege-zur-intellektuellen-selbstverteidigung_4805, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 4805 Rezension drucken
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