/ 19.06.2013
Walter Riester
Mut zur Wirklichkeit
Düsseldorf: Droste Verlag 2004; 271 S.; geb., 16,95 €; ISBN 3-7700-1173-2Wie kommt verantwortungsbewusstes politisches Engagement zustande? Wie kann es gelingen, vom Handwerker in der Provinz zum stellvertretenden IG Metall-Vorsitzenden und dann zum Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung aufzusteigen? Woran liegt es, dass eine erfolgreiche Karriere nach der Bundestagswahl 2002 nicht auf gleichem Niveau fortgesetzt wurde? Zu diesen Fragen bietet Riesters Autobiografie eine faszinierende Lektüre. 1943 in einer Kleinstadt im Allgäu geboren, begann er 1957 eine Fliesenleger-Lehre. Seine resolute und fürsorgliche Mutter meldete ihn in der örtlichen DGB-Geschäftsstelle an. So wurde er Mitglied der IG Bau-Steine-Erden. Später war ihm diese Gewerkschaft zu konservativ, er wechselte zu den Metallern. Zugleich bemühte er sich unablässig um Weiterbildung; Albert Camus war einer der einflussreichsten Autoren. Als hauptamtlicher Gewerkschafter zeichnete er sich aus durch unkonventionelles Handeln. Menschen, die jahrzehntelang mit Duldung der Gewerkschaft in gesundheitsschädigenden Verhältnissen arbeiten mussten, verhalf er zu besseren Arbeitsbedingungen. Das Angebot des damaligen VW-Vorstandsvorsitzenden Piëch, für 1,5 Mio. DM im Jahr Arbeitsdirektor bei VW zu werden, lehnte er schließlich ab, als die Krise seiner Gewerkschaft im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Steinkühler begann. „Mut zur Wirklichkeit" in dem Sinne, dass man der Realität mutig in die Augen sieht, hat Riester zweifellos. Warum hat er sein Ministeramt nach nur einer Wahlperiode abgeben müssen? Die Antwort könnte wohl darin liegen, dass er es nicht verstand, als Führungsfigur auch im handwerklichen Sinne zu agieren, also längerfristig eine Mehrheit in Fraktion und Partei für seine Politik zu gewinnen und zu erhalten. Er hatte keine „Hausmacht". Der Autor deutet an, dass es dieses Problem auch schon vor 1998 in der Gewerkschaft gegeben habe (67). Dazu passt seine Aussage, dass er sich nie habe „verbiegen" lassen. Wo aber liegt die Grenze zwischen Prinzipientreue und nicht ausreichender Kompromissbereitschaft?
Eberhard Schuett-Wetschky (SW)
Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel (www.politik.uni-kiel.de/prof_schuettwetschky.php).
Rubrizierung: 2.3 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Eberhard Schuett-Wetschky, Rezension zu: Walter Riester: Mut zur Wirklichkeit Düsseldorf: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20891-mut-zur-wirklichkeit_24361, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 24361
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Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel (www.politik.uni-kiel.de/prof_schuettwetschky.php).
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