/ 05.06.2013
Bettina Westle
Kollektive Identität im vereinten Deutschland. Nation und Demokratie in der Wahrnehmung der Deutschen
Opladen: Leske + Budrich 1999; 371 S.; kart., 59,- DM; ISBN 3-8100-2149-0Westle wagt sich an die bislang kaum systematisch verfolgte Frage des Zusammenhangs zwischen nationaler Identifikation und demokratischem Bewußtsein, zu deren Beantwortung gerade das Fallbeispiel Deutschland eine Fülle von Ansatzpunkten und Erfahrungen bereithält. Die Untersuchung wird der Komplexität der Fragestellung gerecht, indem sie sich sowohl einer politisch-theoretischen Diskussion der verschiedenen Ordnungsvorstellungen und Begrifflichkeiten als auch einer Absicherung und Konfrontation der daraus gewonnenen Erkenntnisse durch die Ergebnisse empirischer Sozialforschung bedient. Die theoretische Begriffsklärung erlaubt nach Westle erst eine überzeugende Operationalisierung der Vorstellungen von Nation und Demokratie, die dann empirisch genauer ermittelt werden können. Im Mittelpunkt steht dabei eine Typologie kollektiven Bewußtseins (221 ff.), nach der Westle zwischen traditionalem, reflektiertem und postnationalem Bewußtsein unterscheidet. Aufbauend auf dieser Unterscheidung erklärt sie sowohl die Gelassenheit, die die Vereinigung 1989/90 begleitete, als auch die marginalen Rückfälle in nationalistische Äußerungen oder aber den verklärenden Blick auf die DDR und stellt fest: "Für eine Mehrheit der Deutschen sind nationale Gefühle heute weder mit einer großen oder primären Bedeutung der Nation als Identifikationsobjekt noch mit Feindlichkeit nach außen verknüpft, sondern eine unpathetische Angelegenheit. Dennoch ist nicht fraglos von einer 'Normalität' deutschen Nationalgefühls auszugehen. In weiten Teilen der Bevölkerung besteht eine hohe Sensibilität gegenüber Anzeichen von exzessivem Nationalismus." (318) Dabei betont Westle neben den Gefahren traditionaler Einstellungen, daß auch postnationales Bewußtsein häufig mit einer eher apolitischen Haltung einhergehe, die im Blick auf die Unterstützung der Demokratie ebenfalls bedenklich sein könne. Bürger mit reflektiertem Nationalbewußtsein, die Westle als bei weitem größte Gruppe ausmacht, könnten zwischen traditionalem und postnationalem Bewußtsein vermitteln und so die Stabilität der politischen Kultur garantieren.
Inhaltsübersicht: 1. Einleitung: Renaissance des Themas "Nation"; 2. Ansätze zur Erklärung und Definition des Phänomens "Nation"; 3. Debatten um die nationale Identität der Deutschen; 4. Zur Konzeptualisierung: Kollektive Identifikationen und ordnungspolitisches Bewußtsein; 5. Empirische Befunde zur kollektiven Identifikation im vereinten Deutschland; 6. Schlußbetrachtung: Die deutsche Einheit - Rückkehr zu normaler Nationalstaatlichkeit oder Aufbruch in ein neues Zeitalter?
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.35
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Bettina Westle: Kollektive Identität im vereinten Deutschland. Opladen: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6930-kollektive-identitaet-im-vereinten-deutschland_9282, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9282
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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