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/ 17.06.2013
Elisabeth Niejahr / Rainer Pörtner

Joschka Fischers Pollenflug und andere Spiele der Macht. Wie Politik wirklich funktioniert

Frankfurt a. M.: Eichborn 2002; 189 S.; geb., 17,90 €; ISBN 3-8218-3934-1
Beide Autoren waren früher Journalisten des "Spiegel". Niejahr ist heute Hauptstadtkorrespondentin der "Zeit" und Pörtner Politikchef der Berliner Zeitung. In ihrem "Buch ohne Moral" beschreiben die beiden "wie Politik ist - nicht, wie sie sein sollte" (9). Geboten wird zu diesem Zweck eine überaus reichhaltige Fundgrube voller - überwiegend ebenso aktueller wie dem aufmerksamen Beobachter bereits bekannter - "Beispiele und Anekdoten" (10) um politische Führung, Machterwerb, Machtausübung und Machterhalt sowie die damit verbundenen Besonderheiten des deutschen Medienwesens. Nahezu alle relevanten Persönlichkeiten der Bundespolitik aus den vergangenen 25 Jahren sind in den Beispielen vertreten; ein Personenregister erleichtert die gezielte Suche. Gewürzt durch Zitate aus Macchiavellis "Il Principe" und anderen Schriften um das Thema "Macht" werden die mit Quellenverweisen belegten, teilweise aber auch aus der eigenen Erfahrung der Autoren stammenden Beobachtungen und Anekdoten nach Themengruppen sortiert dargeboten, erläutert und im Kontext bewertet. Auch wenn eine gewisse Nähe zur Regierungskoalition der 14. Wahlperiode durchscheint, man die Illustrationskraft mancher Anekdote anzweifeln kann und einige wenige der vielen gezogenen Schlussfolgerungen wohl mehr auf der Interpretation der Autoren als auf den zeitgeschichtlichen Fakten basieren: Niejahr und Pörtner gebührt großes Lob für ihr Buch, insbesondere für ihre Perspektive. Sie schildern die für manche Menschen sicher ernüchternden Sachverhalte scharfsinnig, fast immer kenntnisreich auch hinsichtlich der Hintergründe, aber niemals - wie es der sonst üblichen apolitischen Pose in Deutschland entsprochen hätte - skandalisierend, "kritisch", moralisierend oder gar offen abwertend. Der Band zeugt durchgängig von großem Realismus und ausgewogenem Verständnis für normale menschliche Schwächen wie für ganz selbstverständliche politische Notwendigkeiten. Die herausgearbeiteten Regelmäßigkeiten sind zweifellos allesamt richtig; gleichzeitig bleibt stets realistischer Raum für in der Praxis immer anzutreffende Ausnahmen. Dieses hervorragend lesbare Buch ist jedem Politikwissenschaftler zu empfehlen; seine verbreitete Lektüre möge zu einer sachgerechteren Diskussion in der Bevölkerung, den Medien und auch in der Wissenschaft beitragen. Inhalt: Einstieg und Aufstieg: Wann Politiker mit Freunden streiten und mit Gegnern flirten müssen; Warum Patronage und Netzwerke so wichtig sind; Wie Politiker ihre Posten auswählen; Macht entsteht durch Machtdemonstration. Gefolgschaft: Wie Politiker sich Unterstützung verschaffen; Warum knappe Mehrheiten das Regieren einfacher machen; Vom Spiel mit verteilten Rollen. Gegner: Über Freunde, Feinde und Parteifreunde; Vom klugen Umgang mit innerparteilichen Rivalen; Den Gegner in anderen Parteien erfolgreich bekämpfen. Medien: Warum Informationen die wichtigste Währung der Politik sind; Die Spielregeln des Informationsaustauschs; Wie Politiker Journalisten für ihre Zwecke nutzen; Zeitungen sind wichtig, Fernsehen ist überlebenswichtig; Welches Medium zu welcher Botschaft passt. Krisen: Wie Politiker unter Druck reagieren; Aus schlechten Nachrichten gute machen; Von Lügen und Notlügen; Die Drecksarbeit müssen andere machen. Charakter: Helmut Kohl, das Kanzleramt und der große Irrtum des FJS; Von der Lust aufs Rampenlicht und ihren Gefahren; Über Leidensfähigkeit und Nervenstärke; Nur Pragmatiker erreichen die Spitze; Instinkt und der unbedingte Wille zur Macht. Regieren und Opponieren: Vom Umgang mit der Ministerialbürokratie und anderen Regierungskünsten; Warum keine Regierung ohne Kungelrunden funktioniert; Wie Politiker Experten für ihre Zwecke nutzen; Vom Schummeln mit Formeln und Statistiken; Wie Schröder seine Deals macht; Das Elend der Opposition. Abgang: Wann Politiker zurücktreten; Der gelungene Rücktritt; Wie Oskar Lafontaine seinen Abgang vermasselte.
Andreas Beckmann (AB)
M. A., Doktorand, Institut für Sozialwissenschaften, Bereich Politikwissenschaft, Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.32.3332.331 Empfohlene Zitierweise: Andreas Beckmann, Rezension zu: Elisabeth Niejahr / Rainer Pörtner: Joschka Fischers Pollenflug und andere Spiele der Macht. Frankfurt a. M.: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16522-joschka-fischers-pollenflug-und-andere-spiele-der-macht_18975, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 18975 Rezension drucken
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