/ 22.06.2013
Oliver Lepsius / Reinhart Meyer-Kalkus (Hrsg.)
Inszenierung als Beruf. Der Fall Guttenberg
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2011 (edition suhrkamp); 216 S.; 10,- €; ISBN 978-3-518-06208-1Eigentlich ist ja schon alles zu Karl Theodor zu Guttenbergs vermeintlicher Dissertation gesagt. Die 13 Tage vom Publikwerden der ersten Hinweise von Andreas Fischer-Lescano bis zum jähen Sturz des einstigen politischen Überfliegers waren ein Lehrstück für politische Aufrichtigkeit, wissenschaftliche Praxis und politische Kultur. In einem Workshop am Wissenschaftskolleg zu Berlin haben Publizisten und Wissenschaftler sich dem näher angenommen. Mitherausgeber der nun veröffentlichten Beiträge ist Oliver Lepsius. Er hatte mit seinem unwidersprochenen Einwurf, zu Guttenberg sei ein Betrüger, die letzte Eskalationsstufe in der Affäre gestartet. Nun zeigt er sich zufrieden, dass „andere Disziplinen einen Fall [lösen], der aus der Juristerei stammt“ (17). Die weiteren 13 Beiträge gliedern sich in die Blöcke Diskurs und Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft sowie Stil und Rhetorik. Im ersten Block wird dabei deutlich, wie die Erregung in der Wissenschaft sich erst unter den Bedingungen der modernen Kommunikation entfalten konnte. Das Crowdsourcing auf Guttenplag hat sowohl die Routinen in der Wissenschaft beschleunigt als auch dem Sperrfeuer aus einem Teil der Medien und aus der Politik standgehalten. Unter Politik und Wissenschaft wenden sich die Autoren entschieden gegen die Zwei-Körper-Theorie der Kanzlerin, die zwischen dem einstigen Doktoranden und dem Politiker differenzierte. Bemerkenswert sind die Linien, die die Autoren von Adelsprivilegien über die öffentliche und politische Verachtung der Wissenschaft bis hin zum Zustand von Politik und Wissenschaft gleichermaßen ziehen. Der Fall Guttenberg wird somit aus seiner Singularität herausgehoben. Deutlich mehr fallbezogen sind die Beiträge im dritten Teil, die sich mit der Präsentation des gewesenen Ministers in der Öffentlichkeit vor und während der Affäre befassen. Hier ist die Interdisziplinarität besonders ertragreich. Sowohl der Germanist Heinrich Detering als auch der Historiker Sebastian Diziol ziselieren in ihren Beiträgen zu Guttenbergs Reaktionen und seine Rücktrittserklärung. Der Kunsthistoriker Johannes von Müller vergleicht dessen Bilddarstellung mit Feldherrenmalereien aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Der Archäologe Luca Giuliani zieht sogar Parallelen zwischen zu Guttenbergs Rolle in der Bundeswehr und der Stellung der Senatoren in der römischen Armee. Man mag aus der eigenen Fachsicht heraus vielleicht nicht jede Wertung teilen, doch anregend ist die Lektüre allemal.
Stephan Klecha (SKL)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen.
Rubrizierung: 2.3 | 2.331 | 2.333
Empfohlene Zitierweise: Stephan Klecha, Rezension zu: Oliver Lepsius / Reinhart Meyer-Kalkus (Hrsg.): Inszenierung als Beruf. Frankfurt a. M.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34617-inszenierung-als-beruf_41600, veröffentlicht am 22.12.2011.
Buch-Nr.: 41600
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen.
CC-BY-NC-SA