/ 04.06.2013
Jürgen Leinemann
Helmut Kohl. Die Inszenierung einer Karriere
Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 1998; 117 S.; 14,- DM; ISBN 3-7466-8520-6Leinemann, der als SPIEGEL-Korrespondent den politischen Werdegang Kohls von Beginn an mitverfolgte, beschreibt in Essay-Form wesentliche Faktoren des Erfolges von Kohl, sein Verhältnis zur Macht und deren Praxis im "System Kohl", sowie schließlich eine Anzahl von Fehlern und Mängeln, die er an dem Politiker feststellt. Die einzelnen Kapitel des Buches basieren dabei auf SPIEGEL-Artikeln von Leinemann und umfassen den Zeitraum von 1978 bis 1998. Schlaglichtartig betrachtet Leinemann einige Stationen der politischen Karriere Kohls und versucht dabei aus der Situation und Nebensächlichkeiten das Charakteristische des Bundeskanzlers herauszuarbeiten. Dabei identifiziert er eine Reihe von Konstanten im Politikstil Kohls, wie etwa dessen emotionales und personengebundenes Verständnis von Politik: "Keine Überzeugung hat er öfter ausgesprochen und konsequenter gelebt als die, daß alles, was im privaten Leben gut ist, auch in der Politik taugt." (23) Und weiter: "Er hatte seine Privatheit zur Politik erhoben. Kohls Stammtischweltsicht färbte die internationalen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland, seine Schlachtplatten und seine Pudding-Freßlust verfetteten die Bonner Bankette. Der personenfixierte Machtkarrierestil des Pfälzers geriet zum Hauptinhalt des Kanzlertums." (46) Gleichwohl betont Leinemann auch den Wandel in der politischen Biographie Kohls von einem eher unsicheren, aber ambitionierten Jungpolitiker hin zu einem unerschütterlich von sich selbst überzeugten "Präsidenten-Pascha" (91). Den wichtigsten Erklärungsfaktor für diesen Wandel sieht er in der Erfahrung der deutschen Einheit. Der impressionistische Essay ist jedoch in deutlich kritischer Distanz gehalten und spart nicht mit scharfen Worten, wenn er etwa behauptet, Kohls Verhalten gegenüber seinen Mitarbeitern habe mit dem Wechsel nach Bonn "zunehmend herrische und menschenverachtende Züge" (27) bekommen. In kaum verkennbarer Deutlichkeit konstatiert Leinemann denn auch Verschleißerscheinungen des "System Kohls", das für ihn aber gleichwohl aufgrund der festen Herrschaftsstrukturen "noch längst nicht am Ende" (115) ist.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.3 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Jürgen Leinemann: Helmut Kohl. Berlin: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4014-helmut-kohl_5705, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 5705
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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