/ 04.06.2013
Patricia Clough
Helmut Kohl. Ein Porträt der Macht. Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle unter Mitarbeit von Renate Horn
München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1998; 287 S.; brosch., 28,- DM; ISBN 3-423-24122-5Der ehemaligen Deutschland-Korrespondentin von "Times" und "Independent" geht es darum, "zu verstehen und herauszufinden, wie ein Mann mit so offensichtlichen Grenzen einer der außergewöhnlichsten Kanzler mit der längsten Amtszeit in der Geschichte der Bundesrepublik werden konnte" (7). Als wesentlichen Grund gibt sie "Kohls einzigartige[n] Instinkt für Macht" (10) an. Diese Erkenntnis ist jedoch nicht der rote Faden des Buches. Clough bietet statt dessen eine weitgehend chronologisch strukturierte Biographie Kohls. Dazu bedient sie sich vor allem der schon zahlreich erschienenen Memoiren zum Einigungsprozeß. Dieser stellt denn auch (aufgrund der Verdichtung der veröffentlichten Informationen) den Schwerpunkt des Buches dar. Die Zeit von 1990 bis 1994 wird dagegen in kaum mehr als einem knappen Kapitel abgehandelt. Alles in allem werden die vorliegenden Schilderungen zu einem Gesamtbild zusammengefügt; wesentlich Neues erfährt der Leser auch aus den zahlreichen Gesprächen, die Clough mit Bonner Akteuren geführt hat, nicht. Kohl stand ihr trotz mehrerer Anfragen nicht für ein Interview zur Verfügung. Einige Ereignisse erhalten allerdings durch die britische Sicht "von außen" eine andere Wertung - wie etwa Kohls Auftritt in Dresden: "[B]ei den abschließenden Worten des Kanzlers: 'Gott segne unser deutsches Vaterland', lief mir ein unwillkürlicher Angstschauer über meinen britischen Rücken." (196) Das Bild Kohls bleibt ambivalent, wenn Clough seine Vorzüge als Staatsmann den Mängeln des Parteipolitikers entgegenstellt, der nur auf den nächsten Wahlsieg aus ist. Aber auch hier attestiert sie Kohls Vorgehen beeindruckenden Erfolg: "Kohl hat immer Wahlen gewonnen, weil er Optimismus verstreut, die Ängste der Menschen zerstreut und eine wohlige Normalität garantiert. Er ist wie ein alter Hausschuh, bequem, vertraut und anspruchslos." (279) Clough spricht selbst vom "Herbst des Patriarchen" (259), ist jedoch unentschieden, ob die Ära Kohl, die so sehr mit dem Sicherheitsbedürfnis der Deutschen verschmolzen sei, schon an ihr Ende gekommen ist.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.3 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Patricia Clough: Helmut Kohl. München: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3966-helmut-kohl_5639, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 5639
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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