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/ 22.06.2013
Markus Mohr / Hartmut Rübner

Gegnerbestimmung. Sozialwissenschaft im Dienst der "inneren Sicherheit"

Münster: Unrast 2010; 288 S.; 16,80 €; ISBN 978-3-89771-499-1
Die „Extremismustheorie“ ist immer noch ein umstrittenes Konstrukt. Das gilt nicht nur für ihre Verwendung in der Politikwissenschaft, sondern auch für die Akzeptanz im öffentlichen Diskurs. Gerade dieser Tage ist die Diskussion, ob zivilgesellschaftliche Initiativen eine allgemeine „Antiextremismusklausel“ unterschreiben müssen, bevor sie im Kampf gegen Rechtsextremismus staatliche Mittel abrufen dürfen, voll entbrannt. Dieses Buch ist eine Kampfschrift. Ihr Gegenstand ist die „Vernutzung von Wissenschaft entweder für nachrichtendienstliche Zwecke oder für politische Absichten“ (16), wie die Autoren in ihrem Vorwort schreiben. Damit werden Vorzüge und Nachteile des Bandes bereits gleichermaßen sichtbar. Die kritische Beleuchtung der Extremismustheorie ist stellenweise erfrischend scharf, andererseits wirkt die Argumentation an anderen Stellen zu aufgeregt und zu alarmistisch. So nachdenklich die Verweise auf das jahrelange systematische Kleinreden des Rechtsextremismus durch prominente Extremismusforscher stimmen, so unzureichend wirkt andererseits das Insistieren auf der „braunen Vergangenheit“ so manchen Verfassungsschützers der 50er- und 60er-Jahre. Ob zumindest einzelne Ämter für Verfassungsschutz sich vielleicht in den vergangenen Jahren durchaus ernsthaft modernisiert und auch liberalisiert haben, wird leider nicht erörtert. Das Rekurrieren dieser Behörden auf Sozialwissenschaft könnte man nämlich auch als Ergebnis von Modernisierung und Liberalisierung sehen. Über weite Strecken – das gilt vor allem für den Teil, für den Mohr als Autor zeichnet – ist der Band Anklage und Abrechnung mit Wissenschaftlern und Praktikern, die in unterschiedlichster Weise – und sei es auch nur punktuell – mit Verfassungsschützern reden oder kooperieren. Dadurch geht die spannende Frage nach dem wissenschaftsethisch problematischen Verhältnis von offener Wissenschaft einerseits und – zum Teil auch verdeckt agierendem – Geheimdienst andererseits, unter. Freunde und Büchersammler der Rubrik „Kuriosa“ dürften die Schwärzungen erfreuen, die ein kritischer Journalist, dem eine Nähe zum Verfassungsschutz angedichtet worden war, veranlasst hat.
Christoph Kopke (CKO)
Dr. phil., Dipl.-Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 2.372.3242.331 Empfohlene Zitierweise: Christoph Kopke, Rezension zu: Markus Mohr / Hartmut Rübner: Gegnerbestimmung. Münster: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32858-gegnerbestimmung_39249, veröffentlicht am 15.12.2010. Buch-Nr.: 39249 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA