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/ 22.06.2013
Christian Leßmann

Föderalismus, regionale Ungleichheiten und Entwicklung

Marburg: Metropolis-Verlag 2011 (Hochschulschriften 132); 334 S.; 48,- €; ISBN 978-3-89518-846-6
Wirtschaftswiss. Diss. TU Dresden; Begutachtung: M. Thum; A. Kemnitz. – Ziele der Analyse sind die „systematische Auswertung der vorhandenen Literatur zur Quantifizierung von Dezentralisierung“ (18), eine Untersuchung des Zusammenhangs zwischen „Dezentralisierung und regionalen Ungleichheiten“ (19) sowie eine Beleuchtung der „Auswirkungen von Dezentralisierung auf das Korruptionsniveau und die Effektivität von Entwicklungshilfe“ (20). Insbesondere die beiden letztgenannten Ziele sind – auch unter politikwissenschaftlichen Gesichtspunkten – von besonderer Bedeutung, da es dazu bisher vergleichsweise wenige Untersuchungen gibt, wie der Autor zu Recht feststellt. Mit seinen empirischen Ergebnissen stützt Leßmann jedoch weitgehend die Annahmen der ökonomischen Theorie des Föderalismus. Aus politikwissenschaftlicher Sicht ist dieser Ansatz als eher unterkomplex zu bezeichnen, weil er aufgrund seiner fast ausschließlichen Bezugnahme auf den methodologischen Individualismus in seinen Modellierungen diverse Variablen des politischen Prozesses ausblendet. So kommt der Autor auf der Basis seiner Regressionsanalysen z. B. – wenig überraschend – zu dem Schluss, dass verschiedene „Formen politischer Dezentralisierung [...] keinen Einfluss auf regionale Ungleichheiten haben“ (113). Auch Finanzausgleichssysteme sowie Instrumente der EU-Kohäsionspolitik werden in ihrer Wirksamkeit für die Konvergenz innerhalb von Föderalstaaten in Zweifel gezogen. Denn „je größer der Anteil von Transferzahlungen am Budget“ sei, „desto größer sind die regionalen Ungleichheiten“ (149). In diesem Kontext fehlt auch nicht das gängige Argument, dass Steuerwettbewerb und niedrige Steuersätze einen wirtschaftlichen Angleichungsprozess zwischen Gebietskörperschaften befördere. Gerade das von Leßmann angeführte Beispiel Irland macht allerdings deutlich, dass sich eine Niedrigsteuerpolitik nicht isoliert betrachten lässt. Nach einem in der Tat bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufholprozess infolge des EU-Beitritts ist Irland in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 ff. – wie auch andere Niedrigsteuerländer – umso tiefer gefallen. Die Modellierung und Korrelierung einzelner, durchaus auch nicht so gängiger Variablen für umfangreiche Paneldatensätze mag durchaus anregend sein. Der komplexen Verfassungswirklichkeit einzelner Föderalstaaten werden sie – aus politikwissenschaftlicher Sicht – selten gerecht.
Henrik Scheller (HS)
Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 5.412.21 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Christian Leßmann: Föderalismus, regionale Ungleichheiten und Entwicklung Marburg: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34644-foederalismus-regionale-ungleichheiten-und-entwicklung_41631, veröffentlicht am 29.03.2012. Buch-Nr.: 41631 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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