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/ 20.06.2013
Claus Leggewie / Erik Meyer

"Ein Ort, an den man gerne geht" Das Holocaust-Mahnmal und die deutsche Geschichtspolitik nach 1989

München/Wien: Carl Hanser Verlag 2005; 397 S.; geb., 23,50 €; ISBN 3-446-20586-1
Das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ müsse ein Ort sein, an den man gerne geht, schreiben die Gießener Politikwissenschaftler Leggewie und Meyer im Rückgriff auf eine leicht missverständliche Formulierung des Bundeskanzlers - nicht im Sinne eines Vergnügens, sondern mit der freiwilligen „Bereitschaft, sich durch die erinnerten Taten irritieren und verunsichern zu lassen“ (23). Würde niemand das Denkmal besuchen, wäre es sinnlos. Ob es an sich eine gute oder schlechte Idee ist, wird ausdrücklich nicht thematisiert. Die Autoren analysieren vielmehr die Entscheidungen und Prozeduren bis zum Zeitpunkt der Einweihung, wobei sie den gesamten Prozess als „Lehrstück der ‚Geschichtspolitik‘“ (12) verstehen und als Politikfeld behandeln. Aufgezeigt wird die Entwicklung seit der Rede Richard von Weizsäckers am 8. Mai 1985, anhand des Historikerstreits, der Einrichtung der Neuen Wache als nationalen Gedenkort, der doppelten Vergangenheit Buchenwalds und der Durchsetzung der These von der Einzigartigkeit des Holocausts. Im Hauptteil folgen die „politische Geschichte, die Irrungen und Wirrungen“ (21) des Denkmalprojektes, wobei die Autoren das Augenmerk immer wieder auf die nicht-intendierten Folgen politischen Handelns richten. Demnach kommen dem Schriftsteller Martin Walser, der 1998 nicht immer an die Vergangenheit erinnert werden wollte, große Verdienste bei der Durchsetzung des Projekts zu – durch seine Art der ablehnenden Geschichtsbetrachtung seien Befürworter des Denkmals gewonnen und mobilisiert worden. Leggewie und Meyer sehen in dem Denkmal einen „herausragende[n] Meilenstein“ auf einem „‚dialektischen‘ Weg von Bonn nach Berlin“ (34). Die gründlich aufgearbeitete Vergangenheit sei für Schröder, der in dieser Hinsicht mit seiner linksliberalen Regierung glaubwürdiger sei als sein konservativer Vorgänger, eine Rückversicherung bei der Durchsetzung Deutschlands als internationaler Machtfaktor. „Überspitzt formuliert: Man skandalisierte den dicken Schlussstrich, um ihn feiner ziehen zu können.“ (33)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.35 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Claus Leggewie / Erik Meyer: "Ein Ort, an den man gerne geht" München/Wien: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23428-ein-ort-an-den-man-gerne-geht_26883, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 26883 Rezension drucken
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