/ 17.06.2013
Antonia Grunenberg
Die Lust an der Schuld. Von der Macht der Vergangenheit über die Gegenwart
Berlin: Rowohlt 2001; 224 S.; geb., 19,90 €; ISBN 3-87134-389-7Im Mittelpunkt der deutschen Geschichte steht seit Auschwitz "die Schuld". Sie dominiere, so Grunenberg, politische Entscheidungen und bestimme bis in die Gegenwart jede bedeutende Debatte. Diesem "Schuldkomplex" und seinen politischen Konsequenzen ist ihr Essay gewidmet. Ihre These lautete, dass die Fixierung auf das einzigartige Menschheitsverbrechen einem moralischen Rigorismus Vorschub geleistet habe, der alles politische Handeln in ein Dilemma führt: "Der Diskurs [über den Holocaust] - in welcher Facette auch immer - wird immer mehr zum Ersatz für das öffentliche Selbstgespräch über Wohl und Wehe der Gesellschaft. Ausländerintegration, Flüchtlingshilfe, Asylrecht, jugendlicher Rechtsradikalismus, Beteiligung deutscher Soldaten an Einsätzen der NATO und der Vereinten Nationen, europäische Einigung - jegliche politische Debatte ist von der Perspektive der Schuld und der 'Wiedergutmachung' besetzt. Auch in der internationalen Politik nimmt das neue Deutschland die Rolle des ehemaligen Bösewichts, der zum Moralwächter geworden ist, ein. Ob es um den Krieg im ehemaligen Jugoslawien geht, um Ruanda oder Somalia, um einen deutschen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, stets werden die Interessen, wird alle Interpretation von Geschehnissen an Auschwitz und dem Blick auf die deutsche Schuld gemessen. Jede weit greifende politische Handlung steht unter dem Anspruch, ein Stück Wiedergutmachung zu sein." (24) Die Deutschen finden, so Grunenberg, nicht die Mitte zwischen Demutsgesten und aggressiver Interessenpolitik. Was bleibe, sei eine Politik des schlechten Gewissens und eine Reduzierung der politischen Verantwortung auf Akte des "guten Willens".
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.35
Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Antonia Grunenberg: Die Lust an der Schuld. Berlin: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15165-die-lust-an-der-schuld_17231, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17231
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
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