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/ 22.06.2013
Pitt von Bebenburg / Matthias Thieme

Deutschland ohne Ausländer. Ein Szenario

München: Redline Verlag 2012; 272 S.; 19,99 €; ISBN 978-3-86881-338-8
Die beiden Redakteure der Frankfurter Rundschau von Bebenburg und Thieme beschreiben ein fiktives und wahrhaft schreckliches Szenario: Alle Menschen ohne deutschen Pass müssen die Bundesrepublik innerhalb eines Jahres verlassen. Paare werden getrennt, Kinder von ihren Eltern gerissen, Menschen sterben in Altenheimen wie die Fliegen. Dieser Einstieg gleicht mehr einem Endzeit-Roman als einer sozialkritischen Untersuchung. Aber das Szenario wird stetig durch Einschübe und Experteninterviews ergänzt, die Bezüge zur bundesdeutschen Realität aufweisen. Die Autoren zeigen, wie abhängig die deutsche Gesellschaft von Zuwanderern ist: In Pflegeheimen hat jede sechste Pflegekraft einen Migrationshintergrund, ganze 35 Prozent der Beschäftigten in Reinigungsfirmen, bis zu drei Viertel aller Taxifahrer – aber auch bis zu 90 Prozent der Prostituierten in Großstädten. Etwas befremdlich wirkt es, wenn Expertin Juanita Henning dies als „Völkerverständigung von unten“ (77) bezeichnet. Dazu passt die Argumentation, Deutschland brauche Migranten, weil diese bereit seien, Arbeiten auszuführen, „die sonst niemand ausüben will“ (82). Auch Formulierungen wie „Heimat ist der Ort, wo der Arbeitsvertrag unterschrieben worden ist“ (56) bedienen vor allem die Interessen der Banken und Großindustrien und ignorieren, dass die meisten Menschen erst aufgrund finanzieller Not ihre Heimat verlassen. Das Manko des Buches ist, dass die Autoren die Argumente der Zuwanderungskritiker nicht ernst nehmen und sie deswegen nicht widerlegen. Immer wieder rekurrieren die Autoren auf Thilo Sarrazin, übersehen jedoch, dass dieser die Ausweisung aller Ausländer nicht fordert, sondern für eine selektive Zuwanderung plädiert, die er mit ökonomischen Argumente begründet. Das Bestreben der Autoren ist es, den Deutschen zu vermitteln, wie wichtig und wünschenswert Zuwanderung ist. Ob das gelingt, ist fraglich. Insbesondere die flammende Rechtfertigung der „Prostitutionsmigration“ (77) könnte dafür sorgen, dass der Text vor allem Zuwanderungsgegnern in die Hände spielt.
Karsten Dustin Hoffmann (KDH)
Dipl. Pol., Dr. phil, Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.352.3 Empfohlene Zitierweise: Karsten Dustin Hoffmann, Rezension zu: Pitt von Bebenburg / Matthias Thieme: Deutschland ohne Ausländer. München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35235-deutschland-ohne-auslaender_42428, veröffentlicht am 19.07.2012. Buch-Nr.: 42428 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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